Der Nationalpark und die grossen Beutegreifer
Die grossen Beutegreifer Wolf, Bär und Luchs sind seit einigen Jahren wieder in der Nationalparkregion präsent, wo sie früher über Jahrtausende gelebt und eine wichtige Rolle in unseren Ökosystemen übernommen haben. Die erneute Anwesenheit von Wolf und Bär löst unterschiedliche Emotionen und Reaktionen aus. Die einen sehen in ihnen eine Bereicherung der Biodiversität, bei andern sorgen sie für Verunsicherung oder gar Angst. Letzteres hat auch damit zu tun, dass wir verlernt haben, mit diesen Tieren zu leben und zu wenig über ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse wissen.
Der Schweizerische Nationalpark (SNP) hat gemäss Nationalparkgesetz die Aufgabe, eine von menschlicher Aktivität unbeeinflusste Entwicklung der Natur im Park sicherzustellen. Im Falle der grossen Beutegreifer ist dies schwierig, weil Wolfsrudel beispielsweise Streifgebiete aufweisen, die über die Grenzen des Parks hinausreichen. Da sich Entwicklungen ausserhalb des Parks sehr wohl auch auf die Ökologie innerhalb des SNP auswirken können, ist für den SNP die Zusammenarbeit und Koordination über die Parkgrenzen hinaus entscheidend.
Medienmitteilung zur Lancierung des Arbeitsprogramms am 28.5.2026
Das Programm «Nationalpark und grosse Beutegreifer»
Ziel des 2025 lancierten Arbeitsprogramms «Nationalpark und grosse Beutegreifer» ist es, die ökologische Rolle der grossen Beutegreifer im alpinen Lebensraum besser zu verstehen, zu vermitteln und gemeinsam mit der Bevölkerung nach Lösungen zu suchen, um eine Koexistenz mit diesen Tierarten in der Nationalparkregion langfristig zu ermöglichen. Deshalb engagiert sich der Schweizerische Nationalpark in diesem auf unbestimmte Dauer ausgelegten Programm nicht nur in der Forschung und im Monitoring, sondern auch in verschiedenen anderen Bereichen wie Gesellschaft oder Herdenschutz.
Geeignete Massnahmen sollen auf verschiedenen Ebenen dazu beitragen, das Zusammenleben von Mensch und grossen Beutegreifern in der Region nachhaltig zu verbessern. Das Programm umfasst fünf Themenbereiche. Deren Ziele, Teilprojekte und Erkenntnisse werden auf den unten verlinkten Seiten erläutert.
PS: Wir sprechen bewusst von «grossen Beutegreifern». Der Begriff ist zoologisch präziser als «Grossraubtiere», da er das natürliche Jagdverhalten dieser Tiere sachlich beschreibt – denn die Tiere rauben nicht. Wie alle anderen Arten sind sie ein wichtiger Teil der Biodiversität. Der Begriff «Raubtier» wird im Volksmund zudem häufig mit Gefahr und Aggression assoziiert, was für das natürliche Verhalten von Wolf, Bär und Luchs nicht per se zutreffend ist.
Inhalte des Arbeitsprogramms:
Weshalb ein Programm «Nationalpark und grosse Beutegreifer»?
Die grossen Beutegreifer Bär, Wolf und Luchs beschäftigen den Schweizerischen Nationalpark (SNP) seit vielen Jahren. Bereits 1997 hat der SNP in der Val S-charl eine Ausstellung zum Thema Rückkehr der Braunbären eröffnet und stellt dort diesen faszinierenden Beutegreifer vor. 2005 wanderte der erste Bär nach über 100 Jahren Abwesenheit wieder in die Schweiz ein und zwar genau in die Region, in der er 100 Jahre zuvor letztmals beobachtet wurde.
Auch Luchse liessen sich in den vergangenen 20 Jahren immer wieder im SNP blicken. 2008 gelang es dem Team des SNP, einen Luchs zu fangen und zu besendern. Er wanderte nach Norditalien ab und das GPS-Halsband dokumentierte über Jahre seine Wanderschaft.
Seit den 1990er Jahren besiedelt auch der Wolf von Westen nach Osten die Alpen. Ab Ende 2016 lebte die Wölfin F18 im SNP, verpaarte sich aber nie und riss auch keine Nutztiere. Sie wurde im Herbst 2022 von einem neuen Wolfspaar verdrängt, das 2023 ein erstes Mal Nachwuchs hatte. 2024 geriet das Fuorn-Wolfsrudel in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit. Dem Rudel wurde der Riss eines Rindes zur Last gelegt. Damit war damals die Voraussetzung gegeben, das ganze Rudel zum Abschuss freizugeben. Die Eliminierung des Rudels erfolgte ausserhalb des SNP.
Im Nationalparkgesetz steht, dass die gesamte Tier- und Pflanzenwelt im SNP ihrer natürlichen Entwicklung überlassen wird. Dieser gesetzlichen Anforderung kann nur Rechnung getragen werden, wenn insbesondere Tierarten mit einem grösseren Lebensraum, der über die Parkgrenzen hinaus reicht, so behandelt werden, dass ihre natürliche Entwicklung möglich ist. Das Gesetz sagt auch, dass natürliche Prozesse wissenschaftlich erforscht und die Erkenntnisse vermittelt werden sollen.
Der SNP nimmt diese Aufgaben sehr ernst. Entsprechend soll das Arbeitsprogramm «SNP und grosse Beutegreifer» einerseits die Rolle und das Verhalten der grossen Beutegreifer im Ökosystem wissenschaftlich erforschen. Andererseits soll dank verschiedener Teilprojekte (siehe 5 Themenbereiche) die Koexistenz mit dem Menschen so ermöglicht werden, dass die natürliche Entwicklung dieser Tiere gewährleistet ist.
Welche Rolle spielen die grossen Beutegreifer im Ökosystem?
Die grossen Beutegreifer befinden sich zuoberst in der Nahrungspyramide und spielen eine zentrale Rolle in unseren Ökosystemen. Wolf und Luchs regulieren Wildtierpopulationen, beeinflussen das Verhalten ihrer Beutetiere und tragen zur natürlichen Auslese bei (gesunde und starke Beutetiere überleben). Die grossen Beutegreifer werden als sogenannte Schlüsselarten (Keystone Species) bezeichnet: Ihr Einfluss auf die Ökosysteme ist überproportional hoch.
Ein gutes Beispiel dafür sind die Veränderungen, die sich mit der Rückkehr des Wolfs im Yellowstone-Nationalpark ergeben haben. Unter anderem kamen dort an den Flussufern wieder vermehrt Weiden auf, weil der Äsungsdruck durch Wapiti-Hirsche aufgrund der Wolfspräsenz zurückgegangen war. Die Weiden wiederum boten verschiedenen Vogelarten neuen Lebensraum.
Die Huftierpopulationen in der Schweiz haben sich im 20. Jahrhundert teilweise so stark vermehrt, dass grosse Wald-Wild-Konflikte entstanden sind. Als Folge des starken Verbisses durch Huftiere kann sich der Wald an gewissen Orten nicht mehr natürlich verjüngen, was auch seine Schutzfunktion und die Biodiversität beeinträchtigen kann.
Es stellt sich die Frage, wie die grossen Beutegreifer ihre Rolle in unserer Kulturlandschaft entfalten können. Das hängt auch davon ab, welchen Spielraum ihnen der Mensch zu gewähren gewillt ist. Bei uns werden Wildtiere gemanagt, die grossen Beutegreifer wie die Beutetiere, ebenso der Wald und das Landwirtschaftsland. Es wird sich zeigen, ob sich in diesen Systemen mit der Präsenz der grossen Beutegreifer zum Beispiel Wald-Wild-Konflikte vermindern, die natürliche Waldverjüngung gefördert wird und der Wald dadurch seine Schutzfunktion mit weniger menschlicher Unterstützung ausüben kann.
Aktuelle Veranstaltungen und Angebote
Der Schweizerische Nationalpark ermöglicht mit verschiedenen Angeboten eine Vertiefung in die Thematik der grossen Beutegreifer:
- Spezialexkursionen 2026 «Grosse Beutegreifer – zwischen Emotionen und Fakten»
- Bärenvortrag von Horst Eberhöfer am 5. August 2026 in der Reihe Naturama
- Andreas Moser stellt am 30. September 2026 sein neues Buch zum Wolf vor, Reihe Naturama
- Bärenausstellung im Museum Schmelzra in S-charl/Scuol
- Bärenerlebnisweg «senda da l’uors» in S-charl/Scuol, auch für Kleinkinder geeignet
- Wolfsmodul in der Ausstellung «Wildnis im Zentrum» im Nationalparkzentrum in Zernez
- Programme für Schulklassen der Region
Bücher, Publikationen, Blogposts
- Wölfe – sind sie uns zu nah? Andreas Moser (2026)
- Der Wolf – ein Grenzgänger zwischen Natur und Kultur. Heinrich Haller (2024)
- The Ecological Impacts of Large-Carnivore Recovery in North America. Annu. Rev. Ecol. Evol. Syst. 2025. 56:337–63
Weiterführende Links
Website nationalpark.ch
Merkblätter des AJF zum Wolf
- Zuständigkeiten Wolf
- Umgang mit dem Wolf
- Leben im Wolfsgebiet
- Unterwegs im Wolfsgebiet
- Wolf und Nutztiere
- Jagen im Wolfsgebiet
Konzept Bär des Bundes
Merkblätter des AJF zum Bären
- Der Bär ist ein Raubtier – Halten Sie Distanz
- Bär und Abfall
- Bär und Nutztiere
- Bär und Bienenhäuser
- Zelten im Bärengebiet
- Jagen im Bärengebiet
Informationen zum Luchs
- Portrait Luchs von Kora
- Informationen Luchs vom Bundesamt für Umwelt
Allgemeine Informationen zu den grossen Beutegreifern
- Weitere Informationen und Berichte des Amts für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden zu den grossen Beutegreifern
- Weitere Informationen von KORA – Raubtierökologie und Wildtiermanagement
Rechtsgrundlagen
- Jagdgesetz (922) https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1988/506_506_506/de
- Jagdverordnung: https://www.fedlex.admin.ch/eli/oc/2025/12/de