Weshalb Forschung zu den grossen Beutegreifern?
Der Schweizerische Nationalpark (SNP) hat bereits im Jahr 2016 ein Forschungsprojekt zum Wolf gestartet. Ihm Rahmen des Programms «Nationalpark und grosse Beutegreifer» wird der SNP diese Forschungsaktivitäten weiter verstärken. Die Forschungskommission (FOK-SNP) hat insgesamt 7 Module definiert. Diese und deren Zusammenspiel sollen es ermöglichen, die direkten Effekte des Wolfs auf Aktivitätsmuster, Raum- und Habitatnutzung, Gesundheit und Populationsdynamik von Beutetieren sowie direkte und indirekte Auswirkungen auf die Begleitfauna systematisch zu untersuchen. Auch indirekte Effekte auf die Vegetation – beispielsweise Veränderungen in der Diversität von Offenflächen oder bei der Waldverjüngung – stehen im Fokus. Darüber hinaus sollen sozio-ökonomische Aspekte einbezogen werden, etwa die Effizienz bestehender und neuer Herdenschutzmassnahmen. Biologische Fragestellungen zum Wolf selbst umfassen unter anderem die Definition und Dynamik von Rudeln, die Grösse und den Abwanderungszeitpunkt von Jungwölfen, das Migrationsverhalten von Wölfen oder auch die Nutzungs- und Jagdeffizienz bei Wild- und Nutztieren in Bezug auf Unterschiede von Einzelwölfen gegenüber Rudeln.
Interdisziplinärer Ansatz
Das Forschungsprogramm «trophisches Netzwerk» umfasst folgende Module:
Wie entwickelt sich die Wolfspopulation?
Wie ist die Raumnutzung durch die Wölfe?
Der Wolf ist ein Apex-Prädator im Alpinen Ökosystem im und um den Schweizerischen Nationalpark. Er kehrte 2016 mehr als 100 Jahre nach seiner Ausrottung in die Region zurück. Unsere Forschung untersucht die Zusammensetzung der Beute des Wolfs und dessen direkte und indirekten Effekte auf die Beutearten. Wir erforschen auch, wie Wölfe ihren Lebensraum nutzen – wann und wohin sie sich bewegen und welche Territorien sie etablieren. Schliesslich tragen wir bei zu einem besseren Verständnis der Dynamik und populationsgenetischen Zusammensetzung der Alpinen Wolfspopulation. Um diese Ziele zu erreichen, greifen wir auf direkte und indirekte Beobachtungen zurück, einschliesslich Sichtbeobachtungen, Fotofallen-Bilder, Kot-, Urin- und Speichelproben sowie GPS-Daten.
Wie entwickeln sich die Huftierbestände unter Wolfs-Präsenz?
Wie ändert sich das Raumverhalten der Huftiere unter Wolfspräsenz?
Das Modul Huftiere zielt darauf ab, die verhaltensbezogenen und numerischen Effekte der Wolfspräsenz auf den Rothirsch und die Gämse zu quantifizieren. Beim Verhalten stehen die Wahl und Nutzung des Lebensraums, die Aktivitätsmuster sowie die Gruppengrössen im Fokus. Bei den numerischen Effekten geht es um die Populationsgrössen sowie eine allfällige (Schein-)Konkurrenz zwischen Rothirsch und Gämse.
Wie verändern sich die Fuchsbestände mit und ohne Wolfspräsenz?
Wie verändern sich die Kleinsäuger-Bestände mit und ohne Wolfspräsenz?
Ein Ziel dieses Moduls ist es, direkte verhaltensbezogene sowie numerische Effekte der Wolfspräsenz auf die Habitatnutzung, Aktivität, Nahrung und das Vorkommen des Fuchses zu untersuchen. Die Daten dazu werden über GPS-Besenderungen, Spurentransekte im Schnee, Kot-Transekte sowie Fotofallen erhoben. Ein zweites Ziel ist es, durch Lebendfänge, Spurentunnel und Fotofallen-Boxen die indirekten Effekte der Wolfspräsenz auf die Abundanz und Artzusammensetzung von Kleinsäugerarten zu dokumentieren. Drittens sollen auch indirekte Effekte der Wolfspräsenz auf Aasfresser wie den Kolkraben, Steinadler und Bartgeier zu studieren.
Wie verändert sich die Vegetation bei Präsenz eines Wolfsrudels?
Wie verändert sich die Art der Beäsung durch die Huftiere bei Wolfspräsenz?
Bewirkt die Wolfspräsenz eine Veränderung bei der Waldverjüngung?
Ein erstes Ziel ist es, eine Datenbank von Vegetations- und Forst-Inventaren im Forschungsperimeter zu erstellen. Die zu erfassenden Datensätze reichen von Artvorkommen auf kleinen Untersuchungsflächen bis hin zu räumlich weiter reichenden Daten aus der Fernerkundung. Die Daten werden Analysen und Modellierungen ermöglichen, um die Auswirkungen von Herbivorie und Klima auf die Vegetationsdynamik, einschliesslich Pflanzendiversität, Waldentwicklung, Verbiss-Szenarien und Verbuschungsdynamik zu verstehen. Weitere Ziele bestehen darin, Vegetationseigenschaften in multi- und hyperspektrale Fernerkundungs-Modelle zu integrieren, die Bezüge zwischen Herbivoren und Vegetation zu studieren, sowie die Totholzdynamik und damit assoziierte ökologische Prozesse zu untersuchen.
Wie beeinflusst die Schneehöhe und die Schneebedeckung die Raumnutzung und das Aktivitätsmuster von Huftieren?
Das Modul Klima und Kryosphäre fokussiert sich auf den Schnee als bedeutenden Umwelteinfluss auf ökologische Prozesse. Es werden hochaufgelöste (30 m x 30 m) Zeitreihen von Schneedecke und Schneehöhe für die Jahre 2026 bis 2026 erstellt. Diese werden mit historischen Datenreihen, die bis 1984 zurückreichen, ergänzt. Diese Daten ermöglichen Analysen der Schneedynamik sowie von damit assoziierten trophischen Wechselwirkungen, einschliesslich jener zwischen Beutegreifern, Huftieren und der Vegetation. Zudem werden relevante Klima-Variablen wie Temperatur, Niederschlag, Dürre-Indices und verwandte Indikatoren einbezogen, um ihre Wirkung auf Ökosystem-Prozesse, Art-Interaktionen und Populationsdynamiken zu beurteilen.
Welche Faktoren tragen zum gesellschaftlichen Narrativ über den Wolf bei?
Welche Rolle spielen dabei Bildungsinstitutionen und Lehrpersonen?
Das Modul Gesellschaft untersucht die gesellschaftspolitischen Dimensionen der Rückkehr der grossen Beutegreifer in die Schweiz, insbesondere diskursive und narrative Einbettungen sowie sich wandelnde Mensch–Natur-Bezüge. Ein erstes Projekt untersucht, wie Wölfe in der obligatorischen Bildung als kontroverses Umweltthema Einzug halten: Wie Lehrer das Thema Wolf ansprechen, welche Narrative und Werte in Unterrichtsmaterialien eingebettet sind, und wie gelebte Erfahrungen und Gefühle die Auseinandersetzung mit dem Thema im Klassenzimmer prägen. Das Projekt verbindet daher also gesellschaftspolitische Diskurse mit dem praktischen Bildungsalltag.
Welche Erkenntnisse aus den verschiedenen Modulen beeinflussen das trophische Netzwerk auf welche Weise?
Wie können wir diese Erkenntnisse beim praktischen Wolfsmanagement einsetzen?
Dieses Modul entwickelt ein Ökosystem-Modell des Untersuchungsgebiets, um bestehendes Wissen über trophische Wechselwirkungen und treibende Umweltfaktoren zu integrieren. Das Modell unterstützt die Analyse von Ökosystem-Dynamiken zwischen den Beutegreifern, Huftieren, anderen Tieren sowie Vegetation, Wald und Böden. Das Modul will auch mögliche Auswirkungen von Management-Massnahmen beurteilen, wie die Wolfsregulation oder Artenförderungsaktionen, sowie die Auswirkungen des Klimawandels. Schliesslich will dieses Modul Entscheidungshilfen anbieten, um künftige Ökosystem-Szenarien im Zeichen des fortschreitenden Klimawandels zu bewerten.