In den 1960er-Jahren errichteten die Engadiner Kraftwerke AG (EKW) die Staumauer Punt dal Gall am Rande des Schweizerischen Nationalparks (SNP) direkt an der Grenze zu Italien. Damals wurden wasserbenetzte Anlageteile teilweise mit Korrosionsschutzanstrichen behandelt, die polychlorierte Biphenyle (PCB) enthielten. PCB wurden zu jener Zeit aufgrund ihrer technischen Eigenschaften in verschiedenen Anwendungen eingesetzt. Sie sind langlebige und hochgiftige organische Stoffe, die sich in der Umwelt kaum abbauen und in den Nahrungsketten anreichern. Sie sind seit den 1970er-Jahren international verboten und müssen bei Sanierungsarbeiten fachgerecht entfernt und entsorgt werden.
Bei Revisionsarbeiten an der Staumauer Punt dal Gall im September 2016 kam es zu einem gravierenden Zwischenfall, bei dem der Spöl-Bach mit PCB belastet wurde (mehr dazu weiter unten auf dieser Seite).
Nach 10 Jahren mit Reinigungen, Teilsanierungen, langwierigen Verhandlungen und Projekterarbeitung kann die Bachbettsanierung 2026 erfolgen. Der Fall Spöl zeigt, wie lange es trotz klar nachweisbaren, grossen Verschmutzungen und einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen dauern kann, bis eine Sanierung umgesetzt werden kann.
Der Wegabschnitt von der Staumauer Punt dal Gall nach Punt Periv wird bis zum Abschluss der Arbeiten und der Wiederinstandstellung des Flussbettes durch ökologische Hochwasser bis 2027 geschlossen bleiben.
Die PCB-Havarie vom 21./22. September 2016
In der Nacht vom 21. auf den 22. September 2016 entfernte eine externe Firma im Rahmen von Sanierungsarbeiten im Inneren der Staumauer Punt dal Gall PCB-haltige Korrosionsanstriche. Das abgeschliffene Material wurde aufgewirbelt und gelangte aufgrund starker Luftströmungen innerhalb der Staumauer ins Wasser des Spöl-Baches. Dieser fliesst nach Verlassen des Stausees durch den Schweizerischen Nationalpark (SNP).
EKW-Mitarbeitende erkannten die Havarie bei einer Kontrolle und meldeten sie dem kantonalen Amt für Natur und Umwelt (ANU). Dieses ordnete umgehend eine Untersuchung der Vorfälle an und nahm an diversen Stellen im Spöl-Bach Proben. Der Kanton ist bei solchen Havarien verpflichtet, den Sachverhalt zu überprüfen und die notwendigen Massnahmen in die Wege zu leiten, um die Anforderungen des Gewässerschutzgesetzes zu erfüllen.
Die Auswirkungen der PCB-Kontamination
Nachdem die EKW das Schadenereignis dem Kanton Graubünden mitgeteilt und Anzeige erstattet hatten, ordnete das Amt für Natur und Umwelt (ANU) umfangreiche Untersuchungen entlang des oberen Spöl-Bachs bis zum Ausgleichsbecken Ova Spin an. Im Fokus stand die Bestimmung des PCB-Gehalts im Wasser des Spöls, in dessen Sedimenten und in den Fischen. Dabei wurden erhöhte PCB-Konzentrationen festgestellt. Im Falle der Fische lagen sie bis zu 3-mal höher als die in der Lebensmittelverordnung zugelassenen Werte. Es zeigte sich auch, dass nicht alle PCB vom Ereignis 2016 stammten. Ein grosser Teil waren Rückstände aus dem Betrieb der letzten 45 Jahre.
Vier Jahre später, am 20. September 2020, hat ein Mitarbeiter des SNP im Spöltal ein totes Uhu-Weibchen gefunden. Der SNP hat den Kadaver an das Veterinärmedizinische Institut der Universität Bern geschickt, wo das Fettgewebe herauspräpariert wurde. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) hat das Gewebe analysiert und eine enorme PCB-Belastung von über 550 Milligramm PCB pro Kilogramm Körperfett gemessen. Das entspricht dem Tausendfachen des durchschnittlichen Wertes bei Menschen. Solche Konzentrationen sind für Mensch und Tier krebserregend, schädigen die Fortpflanzung, den Hormonhaushalt, die Knochenbildung sowie das Blut und führen zu chronischen und tödlichen Vergiftungen.
Uhu und Fische sind nicht die einzigen Tiere, die mit PCB verseucht sind. In den Eiern von Wasseramseln wurden PCB-Konzentrationen gemessen, die bis zu 800-fach über den Werten bei Hühnereiern lagen. Auch die wirbellosen Kleinlebewesen weisen erhöhte PCB-Werte auf. Somit ist die ganze Nahrungskette im Spöltal belastet, was sich verheerend auf das gesamte Ökosystem auswirken kann. Dies unterstreicht die ökologische Bedeutung der Sanierung.
Fragen und Antworten
Im Zusammenhang mit PCB stellen sich viele Fragen. Nachstehend finden Sie eine Auswahl von Fragen und Antworten:
PCB sind künstlich hergestellte Moleküle aus Kohlenstoff, Chlor und Wasserstoff. Es sind meist Gemische aus 209 verschiedenen Einzelsubstanzen. Sie unterscheiden sich durch die Anzahl und Stellung der Chloratome an den Benzolringen. PCB wurden ab den 1950er Jahren in verschiedenen Bereichen eingesetzt, namentlich in Korrosionsschutzanstrichen, witterungsbeständigen Farben, Fugendichtungsmassen oder Transformatoren.
Aufgrund ihrer schädlichen Eigenschaften zählen PCB zu den 12 als «dreckiges Dutzend» bekannten organischen Giftstoffen, welche durch das Stockholmer Übereinkommen vom 22. Mai 2001 weltweit verboten sind. In der Schweiz wurde ihre Verwendung ab den 1970er Jahren für offene Systeme und per 1986 vollständig verboten. Trotzdem bestehen noch zahlreiche PCB-Altlasten in technischen Anlagen, Bauwerken oder Deponien.
Im Stockholmer Übereinkommen hat sich die Schweiz dazu verpflichtet, alle PCB-Vorkommen so bald wie möglich zu identifizieren und in umweltverträglichen Entsorgungsanlagen zu vernichten.
PCB sind extrem schwer abbaubar. Ihre Lebensdauer in der Umwelt beträgt viele Jahrzehnte bis Jahrtausende. Inzwischen sind PCB überall in der Umwelt vorhanden, sogar in den Fischen der Antarktis, und werden von Menschen täglich in kleinsten, aber nicht unbedenklichen Mengen mit der Nahrung aufgenommen. In der Schweiz liegt die tägliche Aufnahme über dem europäischen Durchschnitt.
Für weitergehende Informationen:
https://www.bag.admin.ch/de/pcb-polychlorierte-biphenyle
https://de.wikipedia.org/wiki/Polychlorierte_Biphenyle
PCB sind sehr gut fettlöslich und reichern sich daher im Körperfett an (Bioakkumulation). Wegen ihrer chemischen Stabilität werden sie nicht abgebaut.
PCB sind hochgiftig: Sie wirken für den Menschen und für Tiere als starkes, chronisches Gift. Nachweise dazu finden sich in der wissenschaftlichen Literatur in grosser Zahl. Festgestellt wurden etwa die Verursachung von Krebs, Schädigung der Fortpflanzung, des Immunsystems, Hormonstoffwechsels, oxidativer Stress oder pathologische Veränderungen im Gewebe.
Mit ihrer Langlebigkeit und hohen chronischen Toxizität haben PCB eine grosse Ähnlichkeit mit radioaktiven Abfällen.
Gemäss den Untersuchungen stammt die vorgefundene PCB-Belastung im Spöl aus alten Korrosionsschutz-Anstrichen der Kraftwerksanlagen in der Staumauer Punt dal Gall der Engadiner Kraftwerke (EKW). Die Anlagen wurden in den 1960er Jahren gebaut.
Bei Wasserkontakt – insbesondere durch sedimenthaltiges und dadurch abrasives Wasser – werden Partikel aus der Korrosionsschutzbeschichtung herausgelöst und die PCB gelangen in den natürlichen Kreislauf.
Im September 2016 erfolgten Revisionsarbeiten durch eine spezialisierte Firma, bei denen die PCB-haltigen Korrosionsanstriche entfernt wurden. Dabei passierten gravierende Fehler und PCB-belastetes Material gelangte in den Spöl.
Da PCB schwer wasserlöslich sind, kommen sie hauptsächlich in fester Form vor, insbesondere als kleine Partikel im feinen Gewässersediment. Die PCB-Partikel haften vor allem an Sedimentpartikeln kleiner als 2 mm und werden mit der Strömung im ganzen Fluss verteilt. Je nach Strömungsgeschwindigkeit und -energie lagern sie sich näher oder weiter entfernt von der Staumauer in strömungsarmen Bereichen ab. Die Löslichkeit von PCB in Wasser ist allerdings hoch genug, um auch das Wasser mit einer problematischen Konzentration zu beladen. Die geringe Löslichkeit führt dazu, dass das Wasser aus ein und derselben PCB-Quelle über Jahrzehnte oder Jahrhunderte mit PCB befrachtet wird. Im Spöl wurden zwischen 2 und 3 ng PCB pro Liter gemessen, am meisten davon im unteren Spöl (Belastung aus Druckstollen). Es handelt sich um die weitaus höchste im Kanton Graubünden gemessene Konzentration. Weitere Informationen
Ja. Die Untersuchungen zeigen, dass die oberen drei Abschnitte bis Val da l’Acqua stärker belastet sind, aber auch in den beiden Abschnitten 4 und 5 bis zum Ausgleichsbecken Ova Spin ist die Konzentration dort erhöht, wo feine Sedimente abgelagert werden.
Nein, ein Teil der PCB stammt aus dem Kraftwerksbetrieb der letzten 50 Jahre. Die PCB werden vom Wasser aus den Anlageteilen ausgewaschen und gelangen dadurch in den Fluss. Das genaue Ausmass ist jedoch nicht bekannt. Tatsache ist, dass PCB in Sedimentablagerungen gefunden wurden, die bis in 50 cm Tiefe reichen und auch Gebiete umfassen, die nur bei Hochwasser überspült wurden. Aufgrund der identischen Zusammensetzung wie bei der Kontamination von 2016 stammen auch diese früheren PCB-Einträge mit hoher Wahrscheinlichkeit aus den Anlagen der EKW.
Die PCB-Belastung erstreckt sich über die ganze Flussstrecke des oberen Spöls von rund 6 km. Die PCB befinden sich sowohl in Sedimenten, im Wasser wie auch in den Lebewesen. Im oberen Spöl wurde bei den Fischen eine PCB-Belastung analysiert, welche mehr als dreifach über der zulässigen Höchstkonzentration gemäss den gesetzlichen Bestimmungen für Lebensmittel liegt. Da es in der Schweiz keine PCB-Grenzwerte für Sedimente und Algen/Moose in den Gewässern gibt, wurden die erhobenen Werte mit Richtwerten aus der Literatur verglichen. Dieser Vergleich zeigt, dass die Belastungen im oberen Spöl als sehr hoch zu klassifizieren sind. Im Ausgleichsbecken Ova Spin und im unteren Spöl liegen ebenfalls erhöhte PCB-Belastungen vor, die aber unter dem Grenzwert liegen.
Der Uhu wies einen rund 1000-mal höheren PCB-Wert auf als ein Mensch im Durchschnitt. Weltweit wurde soweit ersichtlich noch kein Tier mit einer höheren PCB-Belastung gefunden, nicht einmal an Industriestandorten, wo Havarien eintraten.
Es ist bekannt, dass Uhus sich je nach Nahrungsangebot von Fischen ernähren können. Dies ist etwa in einer Schlucht der Fall, wie sie im Spöltal vorliegt.
Durch die Aufnahme von kontaminiertem Fisch reicherten sich PCB im Fettgewebe des Uhus an. Der Uhu steht an der Spitze der Nahrungskette. Seine Belastungswerte zeigen, dass bereits die gesamte Nahrungskette im Spöltal mit PCB verseucht ist: Die Kleinlebewesen sind kontaminiert und werden von den Fischen gefressen, die Fische wiederum vom Uhu. Damit ist eine Vielzahl an Tieren im Nationalpark gefährdet, insbesondere Prädatoren sogar auf Populationsniveau (d.h. gewisse Arten wie Uhu oder Fischotter könnten aussterben).
Die Untersuchungen des toten Uhus wurden durch die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) durchgeführt: Laboratory for Advanced Analytical Technologies, Swiss Federal Laboratories for Materials Science and Technology, Dübendorf. Die EMPA ist (u.a.) spezialisiert auf PCB-Analytik.
Die PCB verteilen sich grundsätzlich in der ganzen Nahrungskette. Die Tiere an der Spitze der Nahrungspyramide weisen die höchsten Konzentrationen auf, weil sich bei ihnen PCB im Fettgewebe anreichern. Im SNP sind dies Arten wie Uhu, Steinadler, Graureiher, Fuchs, Bär, Fischotter oder Bachforelle, aber auch Aasfresser wie Bartgeier oder Insektenfresser wie Wasseramseln, Wasserspitzmäuse und weitere Arten.
Erste Ergebnisse einer Pilotstudie von 2024 zeigten, dass die 5 Eier, die aus 3 Nestern von Wasseramseln zwischen Punt dal Gall und Punt Periv am oberen Spöl entnommen wurden, eine sehr hohe PCB-Belastung aufwiesen. Die PCB-Konzentrationen reichten von 4,5 bis 32 mg/kg Fett. Damit überschritten die Eier der Wasseramseln am Spöl die in Lebensmitteln (Hühnereier) erlaubten PCB-Höchstkonzentrationen um das 110- bis 800-fache.
PCB gelangen grundsätzlich über die Flusssysteme in die Stoffkreisläufe und erreichen über das Trinkwasser oder die Nahrung auch den Menschen. Aufgenommene PCB-haltige Stoffe werden im Körperfett eingelagert. Daher ist auch der Mensch gefährdet. Nach der Europäischen Food Safety Agency (EFSA) beträgt die tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge von dioxinähnlichen PCB für Menschen (TWI-Wert) 2 Pikogramm pro Kilogramm Körpergewicht. Der TWI-Wert basiert auf der Schadwirkung von PCB auf die Spermienqualität als sensibelstem Effekt. Tatsächlich nehmen die Menschen in der Schweiz diese Menge aber jeden Tag auf. Damit nehmen sie das Siebenfache des TWI-Werts auf.
Da im Spöl keine Fische gefangen werden dürfen, besteht insoweit keine direkte Gefährdung des Menschen.
Dies zu entscheiden, ist Sache der zuständigen Behörden und Gerichte. Mehrere Gesetze könnten zur Anwendung gelangen, namentlich
Das Gewässerschutzgesetz (GSchG) definiert das Verursacherprinzip bei Kontamination von Gewässern (Art. 3) und verbietet, Gewässer zu verunreinigen (Art. 6).
Das Umweltschutzgesetz soll Menschen, Tiere und Pflanzen, ihre Lebensgemeinschaften und Lebensräume gegen schädliche oder lästige Einwirkungen schützen sowie die natürlichen Lebensgrundlagen, insbesondere die biologische Vielfalt und die Fruchtbarkeit des Bodens, dauerhaft erhalten (Art. 1). Gilt eine Belastung als gefährliche Altlast, muss sie saniert werden (Art. 32c).
Im Nationalparkgesetz (SR 454) steht: «Der Schweizerische Nationalpark im Engadin und Münstertal im Kanton Graubünden ist ein Reservat, in dem die Natur vor allen menschlichen Eingriffen geschützt und namentlich die gesamte Tier- und Pflanzenwelt ihrer natürlichen Entwicklung überlassen wird. Es sind nur Eingriffe gestattet, die unmittelbar der Erhaltung des Parks dienen» (Art. 1 Abs. 1 Nationalparkgesetz).
Das Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz (NHG) bestimmt (Art. 24e Bst. c):
Wer ein aufgrund dieses Gesetzes geschütztes Natur- oder Kulturdenkmal, eine geschützte geschichtliche Stätte, eine geschützte Naturlandschaft, ein geschütztes Biotop oder geschützte Ufervegetation beschädigt, kann unabhängig von einem Strafverfahren verpflichtet werden:
a. die widerrechtlich getroffenen Massnahmen rückgängig zu machen;
b. die Kosten zu übernehmen, die aus der Beseitigung des Schadens entstehen;
c. angemessenen Ersatz zu leisten, wenn die Wiederherstellung nicht möglich ist.
Die Engadiner Kraftwerke sind Eigentümer der Anlagen, aus denen seit Jahrzehnten PCB in den Spöl eingebracht wurden. Sie sind zudem verantwortlich für die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben bei Revisionsarbeiten.
2019 hat die Staatsanwaltschaft Graubünden zudem ein Fehlverhalten der Firma festgestellt, welche die Revisionsarbeiten im Herbst 2016 durchführte.
Das Sediment muss entnommen, gesiebt und die PCB in einer Reinigungsanlage mit einem chemischen Verfahren aus dem Feinanteil (Ton, Silt und Sand) extrahiert werden. Die belasteten Anteile werden einer Sonderverbrennungsanlage zugeführt, das übrige Sediment (Kies und Steine) kann später wieder in den Bach eingebracht werden. Erfahrungen mit diesem Verfahren konnten 2017 bei der Reinigung des Tosbeckens unmittelbar unterhalb der Staumauer und im Rahmen eines Pilotversuchs gesammelt werden. Die Resultate zeigen, dass eine Reinigung des Sediments möglich ist.
Die EKW haben sich als Werkeigentümer bereit erklärt, die Sanierung des Spöl vorzufinanzieren. Die Schuldfrage muss von den Gerichten geklärt werden. Dabei ist auch zu klären, welcher Anteil der PCB-Verseuchung als Altlast nach dem Umweltschutzgesetz (USG) gilt und welche Schuld die Firma trifft, welche die Revisionsarbeiten fehlerhaft ausführte. Ist diese zahlungsunfähig, trifft den Kanton (und damit die Steuerzahler) eine sog. Ausfallhaftung (Art. 32d Abs. 3 USG).
Dazu meint Nationalparkdirektor Ruedi Haller: «Es gibt immer wieder Leute, die das infrage stellen. Lohnt sich ein solcher Eingriff wegen 1 oder 2 kg PCB? Meine Antwort darauf ist: 1 kg Heu ist auch nicht gleich viel wert wie 1 kg Gold. Es ist klar, das sind nicht die Bilder, die sich ein Nationalpark wünscht: Bagger entnehmen massenweise Geschiebe aus dem Fluss, das Material wird mit Dumpern flussaufwärts und dann mit Lastwagen in eine Kehrrichtverbrennungsanlage transportiert, wo die PCB-Verbindungen unschädlich gemacht werden. Doch erstens ist der Kanton gesetzlich dazu verpflichtet, für die Sanierung einer dermassen verseuchten Flussstrecke zu sorgen. Und zweitens bin ich überzeugt, dass dies langfristig das kleinere Übel ist als eine chronische Vergiftung. Blieben die PCB im Spöl, würden immer wieder Tiere an den Folgen des Gifts sterben. Die entstandene Lücke würde durch nicht kontaminierte Tiere aufgefüllt, die sich dann auch wieder vergiften. Mithilfe von künstlichen Hochwassern wird es gelingen, die Spuren des mechanischen Eingriffs einigermassen zu verwischen und eine neue Grundlage für die Weiterentwicklung des Ökosystems zu schaffen»
Vorbereitung 2017: Sanierung Tosbecken
Im Jahr 2017 wurde das direkt unterhalb der Staumauer liegende, am stärksten mit PCB belastete Tosbecken gereinigt. Dabei wurden die belasteten Feinsedimente entfernt und entsorgt.
Die Sanierung des Tosbeckens ermöglichte es, wertvolle Erfahrungen dazu zu sammeln, wie die Sedimente geborgen und die PCB daraus entnommem werden können. Der Pilotversuch hat gezeigt, dass mit diesem Reinigungsverfahren mindestens 80 Prozent der PCB-haltigen Sedimente gewonnen werden können. Eine 100-prozentige Reinigung ist aus technischen Gründen nicht möglich. Es wurde aber auch klar, wie logistisch und technisch anspruchsvoll eine solche Sanierung ist, vor allem im Hinblick auf eine Strecke von rund 3 km.
Langwierige Verhandlungen
Eine kurze Chronologie:
Am 12. Februar 2021 hat das Amt für Natur und Umwelt (ANU) Graubünden eine Verfügung bezüglich der PCB-Sanierung des Spöl-Bachs erlassen.
Der Schweizerische Nationalpark (SNP), die Engadiner Kraftwerke AG (EKW) sowie die drei Umweltverbände Pro Natura, WWF und Aqua Viva reichten 2021 aus verschiedenen Gründen Beschwerde gegen diese Verfügung ein.
Medienkonferenz vom 19. März 2021: PCB-Vergiftung im Spöl hat dramatische Ausmasse
Medienmitteilung vom 28. Juni 2022:
Der SNP, die EKW und verschiedene Umweltverbände erarbeiten ein neues, optimiertes Sanierungsprojekt für den mit PCB belasteten Spöl-Bach im Nationalpark. Damit werden die Belastungen auf der gesamten Strecke des oberen Spöls genauer erfasst. Um dieses Projekt anzugehen, soll das vor dem Amt für Umwelt Graubünden hängige Beschwerdeverfahren zur Sanierungsverfügung bis Ende 2022 sistiert werden.
Medienmitteilung vom 17. März 2023:
Der SNP, die EKW und mehrere Umweltverbände haben in den letzten Monaten gemeinsam ein optimiertes Sanierungsprojekt für den Spöl-Bach im Nationalpark ausgearbeitet. Damit eröffnet sich die Chance, den mit PCB belasteten Bach nun schnellst- und bestmöglich zu sanieren. Sie unterbreiten dem Kanton Graubünden den an einem Runden Tisch ausgearbeiteten Vorschlag.
Medienmitteilung vom 6. März 2024:
Nachdem der Kanton Graubünden die vom SNP, den EKW und drei Umweltverbänden eingereichte Sanierungsvereinbarung mit punktuellen Anpassungen gutgeheissen hat, kann die Sanierung des mit PCB belasteten Spöl-Bachs voraussichtlich im Jahr 2026 in Angriff genommen werden.
Die Sanierung 2026
Bei der Sanierung werden in den Abschnitten 1 bis 3 (rund 3 km) die PCB-haltigen Feinsedimente aus dem Flussbett entfernt. Dies geschieht primär durch das Ausbaggern des Flussbettes und der mechanischen Trennung des Feinmaterials von den gröberen Kies- und Geröllfraktionen. Das belastete Feinmaterial wird thermisch entsorgt, das gereinigte Material wird wieder ins Flussbett eingebracht. Darüber hinaus wird das Tosbecken unter der Staumauer Punt dal Gall nochmals komplett gereinigt.
Anschliessend wird der untere Teil des Spöls (restliche rund 2,5 km) – in welchem die Messresultate im Jahr 2022 nur noch geringe PCB-Belastungen zeigten – mittels gezielter Hochwasser gespült. Sollten sich danach die Belastungen mit PCB im Bereich der Mündung der Ova dal Fuorn als zu hoch erweisen, würde auch dieser Abschnitt saniert. Während der Ausführung der Sanierungsmassnahme erfolgt eine laufende Wirkungskontrolle. Zudem wird eine Belgleitgruppe eingesetzt, die den Informationsaustausch und die Abstimmung zwischen den Parteien und den Fachstellen gewährleistet.
Ein Monitoring nach fünf bis sieben Jahren wird zeigen, wie sich der Zustand des Spöls nach der Sanierung präsentiert.
Fahrplan der Sanierung
Die Vorbereitungsarbeiten für die Sanierung begannen im Sommer 2025. Im Herbst wurden dem Bach im Bereich der Sanierungsstrecke die Fische entnommen und in einem tieferliegenden Abschnitt des Spöls ausgesetzt. Die eigentliche Sanierung erfolgt in den Jahren 2026 und ev. 2027.
Seit Anfang Mai 2026 wird das Sediment im Flussbett Meter für Meter abgetragen, zur Anlage transportiert und gesiebt. Material mit einer Korngrösse über 2 mm (Kies und Steine) wird gewaschen und ins Flussbett zurückgeben. Feineres Material wird separiert und gesammelt. Die PCB-haltigen Partikel, welche sich in diesem Material befinden, werden damit aus dem System entfernt. Sie werden in einer speziell für solche Stoffe eingerichteten Anlage verbrannt. Danach wird das Flussbett mit künstlichen Hochwassern gespült, um es wieder in einen möglichst naturnahen Zustand zu bringen und die Spuren des Eingriffs zu verwischen.
Der seit Frühherbst 2025 gesperrte Wanderweg von der Staumauer Punt dal Gall nach Punt Periv wird voraussichtlich bis Ende 2027 geschlossen bleiben.
2028 wird das Becken Praspöl am unteren Ende des oberen Spöls beprobt. Falls die PCB-Werte dort ebenfalls zu hoch sein sollten, wird auch dieser Bereich saniert. Dieses Projekt müsste dannzumal im Detail geplant werden.
Forschung und Monitoring
Der Spöl hat auch für die Forschung eine grosse Bedeutung. Die seit der Jahrtausendwende durchgeführten ökologischen Hochwasser haben gezeigt, wie sich die Qualität dieses Restwasserbachs verbessern lässt. Seit der PCB-Verseuchung 2016 konnten im oberen Spöl keine Hochwasser mehr durchgeführt werden, weil dadurch die Schadstoffe noch weiter verteilt worden wären. Nach der Sanierung sollen diese Hochwasser wieder aufgenommen und die ökologische Qualität des Spöl-Obrerlaufs weiter verbessert werden.
Um den Verlauf der PCB-Belastung zu dokumentieren und den Erfolg der PCB-Sanierung zu messen, hat die Forschungskomission des SNP (FOK-SNP) zwei Forschungsmodule entwickelt. Mit der PCB-Sanierung am oberen Spöl eröffnet sich für die Forschung die einmalige Gelegenheit, die Effekte der Sanierung auf das Flusssystem sowie die PCB-Belastung verschiedener Organismen systematisch zu dokumentieren und langfristig zu untersuchen. Im Rahmen ihrer jährlichen Klausur hat die Forschungskommission des SNP (FOK-SNP) zwei Forschungsmodule entwickelt, die 2025 gestartet sind:
Im Modul «PCB in der Nahrungskette» werden verschiedene Organismengruppen auf ihre PCB-Belastung untersucht. Durch systematische Probeentnahmen vor und nach der Sanierung wird ermittelt, ob und wie stark die PCB-Belastung in diesen Organismen zurückgeht. Eine zentrale Frage ist zudem, ob es im oberen Spöl entlang der Nahrungskette zu einer Bioakumulation von PCB gekommen ist. Die PCB-Sanierung bedeutet einen grossen Eingriff in die Morphologie und Ökologie des oberen Spöls.
Das Modul «Regeneration und Wiederbesiedelung des Bachs nach der Sanierung» emittelt einerseits das Potenzial verschiedener Organismen, den oberen Spöl nach der Sanierung wieder zu besiedeln. Andererseits dokumentiert es im Anschluss an die Sanierung den tatsächlichen Wiederbesiedelungsprozess. Ziel dieser Module ist es also, die Auswirkungen der Sanierung sowohl auf die PCB-Belastung von Organismen als auch auf die ökologische Regeneration des Bachs zu erfassen.
Als Grundlage für die späteren Vergleichsuntersuchungen wurde 2025 und 2026 der Zustand der Flora und Fauna vor der Sanierung umfassend erhoben. Dabei wurde die PCB-Belastung von verschiedenen ans Wasser gebundenen Wirbellosen (Flohkrebsen, Köcherfliegen, Spinnen), von Forellen und deren Laich sowie Wasseramseln gemessen. Zudem wurde der aktuelle geomorphologische und ökologische Zustand des oberen Spöls und seiner Quellen und Seitengewässern erfasst. Die Seitengewässer und Quellen beherbergen Lebewesen, welche den oberen Spöl nach der Sanierung wieder besiedeln dürften. Die langjährigen Erhebungen der aquatischen Wirbellosen wurde räumlich und zeitlich ausgeweitet. Wasseramseln wurden beringt und genetisch identifiziert. Diese Erhebungen dienen als Grundlage, um die Wiederbesiedlung nach der Sanierung zu untersuchen,
Ein Blick in die Zukunft
10 Jahre hat es bis zur Sanierung der PCB-Verseuchung im Spöl gedauert. 10 lange Jahre, in denen sich die Giftstoffe weiter ausbreiten konnten und in denen es auch nicht möglich war, die jährlichen künstlichen Hochwasser durchzuführen, die dem Spöl seit der Jahrtausendwende wieder neue Dynamik verliehen hatten. Es bleibt zu hoffen, dass nach der PCB-Sanierung im oberen Spöl auch in den Abschnitten 4 und 5 zwischen der Val da l’Acqua und dem Staubecken Ova Spin die PCB-Belastungen unter den Grenzwerten liegen und dieser Bereich nicht auch noch saniert werden muss. Die vorgeschriebenen Probenahmen werden zeigen, ob weitere Massnahmen notwendig sind.
Wichtig ist auf jeden Fall ein Monitoring, das die PCB-Konzentrationen bei diversen Lebewesen auch über die Sanierung hinaus dokumentiert (siehe Forschung).
Der Fall der PCB-Verseuchung im Spöl zeigt, dass auch die Wasserkraft – wie jede Energienutzungsform – Risiken birgt. Dass diese Havarie ausgerechnet im einzigen Nationalpark der Schweiz erfolgte, ist umso gravierender. Doch vielleicht hat dies auch dazu beigetragen, dass die Sanierung trotz aller Widerstände und mit viel Verspätung gelungen ist und als Präjudiz für vergleichbare Fälle dienen kann.
Es ist zu hoffen, dass sich die Nebel über dem Chemie-belasteten Spöltal lichten und sich die Natur im Schweizerischen Nationalpark bald wieder möglichst uneingeschränkt von menschlichen Einwirkungen entwickeln kann. Genau so, wie es sich die Gründer des Nationalparks vorgestellt haben und es auch im Nationalparkgesetz verankert ist.

