Medienmitteilung vom 19. März 2021

PCB-Vergiftung im Spöl hat dramatische Ausmasse

Am 12. Februar 2021 hat das Amt für Natur und Umwelt GR eine Verfügung bezüglich der Sanierung des Flusses Spöl erlassen, der mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) aus den Anlagen der Engadiner Kraftwerke verseucht ist. Der Schweizerische Nationalpark als Geschädigter hat gegen diese Verfügung Beschwerde eingelegt. Chemische Untersuchungen an einem toten Uhu-Weibchen aus dem Spöltal zeigen, dass die Vergiftung des Spöl weit schlimmer ist als bisher angenommen: Der Uhu weist einen rund tausendmal höheren PCB-Wert als ein Mensch im Durchschnitt auf. Offenbar ist bereits die ganze Nahrungskette verseucht. Die Eidgenössische Nationalparkkommission fordert den Kanton Graubünden auf, entschlossen und unverzüglich zu handeln.

Wegen Fehlern bei Revisionsarbeiten in der Staumauer Punt dal Gall der Engadiner Kraftwerke AG (EKW) gelangten im Herbst 2016 hohe Mengen PCB-haltige Partikel aus alten Korrosionsschutz-Anstrichen in den Fluss Spöl oberhalb von Zernez. Die hochgiftigen Chemikalien verteilen sich entlang der 5.75 Kilometer langen Gewässerstrecke. Sie konnten im Wasser, im Sediment und in Fischen nachgewiesen werden. Da die Kontamination im Sediment bis in eine Tiefe von 50 cm reicht, muss ein grosser Anteil des PCB schon vor 2016 in den Spöl gelangt sein.

Massiv verseuchter Uhu
Vier Jahre später, am 20. September 2020, hat ein Mitarbeiter des Schweizerischen Nationalparks (SNP) im Spöltal ein totes Uhu-Weibchen gefunden. Der SNP hat den Kadaver an das Veterinärmedizinische Institut der Universität Bern geschickt, wo das Fettgewebe herauspräpariert wurde. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) hat das Gewebe analysiert und eine enorme PCB-Belastung von über 550 Milligramm i-PCB pro Kilogramm Körperfett gemessen. Dies entspricht einer Gesamtmenge an PCB von rund einem Gramm pro Kilogramm Körperfett. Gemäss Dr. Ruedi Haller, Direktor des SNP, ist dieser Wert exorbitant hoch. Dies entspricht dem Tausendfachen des durchschnittlichen Wertes bei Menschen. Solche Konzentrationen sind für Mensch und Tier krebserregend, schädigen die Fortpflanzung, den Hormonhaushalt, die Knochenbildung sowie das Blut und führen zu chronischen und tödlichen Vergiftungen.

Unzureichende Verfügung
Die EKW werden in der Verfügung vom 12. Februar 2021 zwar vom Amt für Natur und Umwelt (ANU) als Verursacherin der PCB-Belastung im Spöl in die Pflicht genommen. Die Verfügung sieht jedoch nur eine Sanierung der ersten 2,75 km des Spöl vor. Die untere, fast 3 km lange Strecke soll nicht saniert werden. Dies, obwohl im Bereich Praspöl (Abschnitt 5) Werte gemessen wurden, die 5 Mal so hoch liegen wie der empfohlene Richtwert für einen guten und 10 Mal höher als der Wert für einen sehr guten Gewässerzustand.

Sofortiges Handeln dringend notwendig
Bislang gingen die Beteiligten davon aus, dass eine beschränkte Sanierung der am stärksten belasteten, gut zugänglichen Gewässerbereiche ausreichend sei. Die exorbitant hohe PCB-Belastung des Uhus zeigt nun aber, dass bereits die ganze Nahrungskette im Spöltal stark betroffen ist. Aus diesem Grund hat der SNP Beschwerde gegen die Verfügung des ANU eingelegt. Abhilfe kann in dieser Situation nur die umfassende und umgehende Sanierung der gesamten Fliesstrecke von 5.75 km am oberen Spöl schaffen.

Die Eidgenössische Nationalparkkommission (ENPK) ist von der Eidgenossenschaft eingesetzt worden, um den Nationalpark vor schädlichen menschlichen Einflüssen zu schützen. Sie fordert daher vom Kanton nach dem Scheitern eines Runden Tisches nun rasches und entschlossenes Handeln. ENPK-Präsidentin Heidi Hanselmann:

«Es hilft nur ein rascher Quellenstopp, das heisst, die radikale Entfernung und umweltverträgliche Entsorgung der PCB-haltigen Sedimente. Ausserdem muss das Problem mit dem Druckstollen gelöst werden. Mit jedem Tag, an dem das PCB weiter im Spöl und im Staubecken Ova Spin verbleibt, kontaminiert es das Wasser und vergiftet die im und am Wasser lebenden Tiere im SNP, insbesondere die Prädatoren. Zudem gelangt das PCB in tiefergelegene Gebiete und damit in die Nähe der Menschen.»

Der Kanton muss auch abklären, wie stark das Sediment im Ausgleichsbecken Ova Spin, welches zur Hälfte im SNP liegt, kontaminiert ist. Dieses Becken leidet zudem unter einer weiteren PCB-Quelle der EKW: Ihr Druckstollen vom Lago di Livigno zum Kraftwerk Ova Spin ist im Inneren ebenfalls mit einem PCB-haltigen Korrosionsschutz beschichtet. Umfang und Menge sind unklar. Wasser wird vom Lago di Livigno zum Kraftwerk Ova Spin geleitet, von dort aber auch wieder für die Produktion von Spitzenenergie hochgepumpt. Im Druckstollen gelangen bei jedem Wasserdurchgang PCB-haltige Korrosionsschutz-Partikel und gelöstes PCB in den Wasserkreislauf. Auch hier herrscht dringender Sanierungsbedarf, umso mehr, als dass in den nächsten Jahren der Stausee entleert und Anlageteile der Staumauer saniert werden müssen.

Die ENPK fordert den Kanton Graubünden auf, die totale Sanierung der 5.75 km des Oberen Spöl durch die EKW unverzüglich zu veranlassen. Falls sich die EKW mit juristischen Mitteln dagegen wehren, muss der Kanton die Totalsanierung trotzdem verfügen und parallel dazu die Frage nach den Verantwortlichkeiten klären.

Weitere Informationen:

Kontakt:

Dr. Ruedi Haller
Direktor Schweizerischer Nationalpark
081 851 41 11
rhaller(at)nationalpark.ch

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