Ein Beitrag von Franziska Heinrich, Schweizerischer Nationalpark
23. Oktober 2026

In der Vortragsreihe NATURAMA des Schweizerischen Nationalparks nahm der Biologe David Jenny am 14. Oktober das Publikum mit in die Luft und brachte ihm einen faszinierenden Vogel näher: den Steinadler. Dabei präsentierte er Highlights des Buchs «Der Steinadler – eine Rückeroberung im Alpenraum», das er zusammen mit Serge Denis und Heinrich Haller verfasst hat.

Seit über 40 Jahren beschäftigt sich David Jenny mit dem Steinadler. Warum ihn dieser Vogel so fasziniert, weiss er bis heute nicht genau. Einleitend beleuchtete er den ambivalenten Umgang des Menschen mit dem Greifvogel: Einerseits ziert er als Symbol für Kraft, Stärke und Macht zahlreiche Wappen, andererseits wurde er dämonisiert und bekämpft. «Viele Mythen ranken sich um den Steinadler», sagte Jenny, «und auch sein Leben über den Wolken, wo die Freiheit wohl grenzenlos ist, verläuft in der Realität ziemlich anders». Der Spannungsbogen war gesetzt.

Eine bewegte Vergangenheit

Als blutrünstiger Kinderräuber stellte man den Steinadler früher oft dar und verfolgte ihn systematisch: Er wurde geschossen, vergiftet, eingefangen und eingesperrt. Um 1900 brachte ein Steinadler eine Prämie von zehn Franken ein. In den 1930er Jahren begann ein Umdenken. Carl Stemmler war Pionier der Schweizer Steinadlerforschung und Adlerschützer der ersten Stunde – ihm ist auch das Buch von Jenny und seinen Kollegen gewidmet. 1953 wurde der Steinadler in der Schweiz schliesslich unter Schutz gestellt. Anders als der Bartgeier war er zu diesem Zeitpunkt zwar stark dezimiert, aber nicht ausgerottet. Und ab dann begann seine Rückeroberung des Alpenraums.

Ein anpassungsfähiger Superjäger

Als Spitzenprädator steht der Steinadler zuoberst in der Nahrungspyramide. Auch andere Jäger wie junge Füchse sind vor ihm nicht sicher. Jagen ist laut Jenny ein anspruchsvoller Beruf und will gelernt sein: Die Beute muss erspäht, ergriffen und getötet werden. Das Werkzeug des Steinadlers sind seine bis zu 6 cm langen, dolchartigen Hinterkrallen. Diese durchdringen die Schädeldecke von Murmeltieren blitzschnell.
Der Speiseplan des Steinadlers ist vielfältig, mit 73 Prozent der Biomasse bilden Murmeltiere aber klar seine Hauptnahrung in den Schweizer Alpen. Beim Bild einer toten Hauskatze, die einem Steinadler zum Opfer fiel, scherzte Jenny: «Ein Vogel frisst eine Katze. Bei diesem Bild erfüllen sich bei Ornithologen wohl aufgestaute Rachegefühle.»
Steinadler sind sehr anpassungsfähig und fressen auch Aas. Auf der Nordhalbkugel sind sie in sechs Unterarten weit verbreitet und kommen von Alaska bis in die Sahara vor – eine erstaunliche Vielfalt an Klimazonen und Lebensräumen, mit denen diese Vögel zurechtkommen.

Natürliche Bestandesregulierung

Inspiriert von der Dissertation des ehemaligen Nationalparkdirektors Heinrich Haller zur Selbstregulation beim Steinadler wollte auch Jenny über diesen Vogel promovieren. Zur Überprüfung von Hallers Erkenntnissen schmuggelte er «Trojanische Eier» in die Horste. Diese enthielten Temperaturmessgeräte. So konnte nachvollzogen werden, wann und wie lange brütende Eltern ihre Eier verliessen. Die Hypothese, wonach Angriffe durch Artgenossen dafür verantwortlich sind und eine natürliche Bestandsregulierung durch innerartliche Konkurrenz stattfindet, wurde bestätigt. Entscheidend für den Bruterfolg sind also die Kapazitäten des Lebensraums und die jungen Steinadler, die auf der Suche nach einem eigenen Revier etablierte Brutpaare unter Druck setzen. Manchmal brechen diese die Brut ab, weil die Verteidigung des Reviers wichtiger ist als eine jährliche Fortpflanzung. Im Engadin ist die Zahl nicht brütender Vögel in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Ein Zeichen dafür, dass der Lebensraum begrenzt ist und die allermeisten Reviere besetzt sind. Mit 372 gezählten Brutpaaren im Jahr 2024 ist der Alpenraum nun «praktisch ausgebucht».

Halsbrecherische Besenderungen

Mit den Worten «Ihr solltet jetzt besser schwindelfrei sein» kündigte Jenny einen siebenminütigen Film über das Besendern eines Jungadlers an. Die eindrücklichen Aufnahmen zeigten, dass beim Abseilen zum Horst äusserste Vorsicht geboten ist, damit das Tier nicht frühzeitig aus dem Nest springt. Den Vögeln wird zur Beruhigung eine Falkenhaube übergezogen. Anschliessend werden sie sicher in eine Reisetasche verpackt und nach oben gezogen. Dort werden sie vermessen, gewogen, beringt und besendert, bevor sie wieder in den Horst zurückgesetzt werden. Die angebrachten GPS-Datenlogger verfügen über eine Photovoltaikzelle und übermitteln über lange Zeit die Positionen der Vögel: Der im Film gezeigte Jungadler beflog innerhalb von sechs Jahren eine Fläche von rund 20’000 Quadratkilometern.

Spannende Erkenntnisse aus den Daten

Die Daten von insgesamt 37 besenderten Jungadlern enthüllten zudem, dass diese schon während ihrer Bettelflugphase, in der sie noch von den Eltern gefüttert werden, weite Exkursionen unternehmen. Dabei halten sie klare Grenzen zwischen den Revieren ein. Wie sie diese in der Luft erkennen, ist eine weitere ungeklärte Meisterleistung im Tierreich.
Anhand von Beschleunigungsdaten konnten die Forschenden zudem unterscheiden, ob die Vögel segelten, mit den Flügeln schlugen oder frassen. So liessen sich ihre Fressplätze identifizieren. Diese lagen möglichst weit entfernt von den Revieren adulter Adler – denn nicht nur die Jungen stressen die Alten, sondern auch umgekehrt. Mit rund 38 % stellen kämpferische Auseinandersetzungen mit Artgenossen auch die häufigste Todesursache von Steinadlern in der Schweiz dar.

Mit Adleraugen in die Zukunft schauen

David Jenny zeigte dem in den Bann gezogenen Publikum eindrücklich auf, dass das Leben des Königs der Lüfte alles andere als grenzenlose Freiheit ist. Und trotz seiner erfolgreichen Rückeroberung des Alpenraums bleibt er verletzlich und muss weiterhin vollständig geschützt werden. Einige der besenderten Steinadler sind immer noch auf Sendung. Dem ersten von ihnen gelang es nun nach sieben Jahren, das Revier eines anderen Männchens zu erobern. Ob er nächstes Jahr brüten wird? Wir sind gespannt.

 

©David Jenny

Das besenderte Steinadlermännchen «Dischma 19/1» im Flug. Nach sieben Jahren Wanderschaft hat er dieses Jahr ein Revier erobert.

 

Steinadlerforschung
©David Jenny

Ein adultes Steinadlerweibchen im Segelflug. Die Spannweite kann bei ausgewachsenen Tieren bis zu 2.3 Metern betragen.

 

Steinadlerforschung
©David Jenny

Ein halbstarker Jungadler im Flug. Mit dem Älterwerden nimmt der Weissanteil der Schwungfedern immer mehr ab.

 

Steinadlerforschung
© Serge Denis

Portrait eines juvenilen, weiblichen Steinadlers

 

Steinadlerforschung
© Guolf Denoth

Dieser juvenile Steinadler im Unterengadin wird genau vermessen, beringt und mit einem GPS-Datenlogger ausgestattet.

 

Steinadlerforschung
© David Jenny

Zum Töten von Beutetieren gemacht: der Fang eines Steinadlers mit den dolchartigen Die weissen Daunen an den Krallen weisen auf einen Luftkampf mit einem Artgenossen hin.

 

Steinadlerforschung, Besenderung
© Romano Salis

Die Besenderung von Jungadlern ist eine luftige und heikle Angelegenheit.

 

Steinadlerforschung
David Jenny

Die GPS-Daten von zwei besenderten Jungadlern aus benachbarten Revieren zeigen während ihrer Bettelflugphase deutlich auf, dass sie die Grenzen zwischen den Revieren kennen und respektieren.

 

Steinadlerforschung, Kampf
© Fadri Wehrli

Zwei adulte Steinadler im Kampf. Solche enden häufig tödlich.

 

Mehr zum Steinadler unter https://nationalpark.ch/flora-und-fauna/steinadler/