Ende Oktober konnten die Arbeiten zur Sanierung der PCB-Belastung im Spöl im Schweizerischen Nationalpark abgeschlossen werden. Auf einer Strecke von rund 3 km wurden die Sedimente entnommen und aufbereitet. Das PCB-belastete Feinmaterial wurde abtransportiert und thermisch entsorgt.

Im September 2016 wurden bei Sanierungsarbeiten an der Staumauer Punt dal Gall der Engadiner Kraftwerke (EKW) hochgiftige polychlorierte Biphenyle (PCB) freigesetzt. Untersuchungen zeigten, dass die Sedimente und zahlreiche Lebewesen im Spöl stark belastet waren. Nun konnte nach einer intensiven Bausaison der rund 3 km lange Abschnitt unterhalb der Staumauer saniert werden. Grundlage war ein gemeinsamer Sanierungsvorschlag von EKW, Schweizerischem Nationalpark (SNP) sowie Pro Natura, WWF und Aqua Viva, den der Kanton Graubünden 2024 genehmigt hat.

Erfolgreiche Sanierungsarbeiten
Die Sanierung war anspruchsvoll: Ein grosser Teil der Arbeiten fand in einer engen und nur einseitig zugänglichen Schlucht statt, zudem galten strenge Naturschutzauflagen. Erfahrungen aus der Testsanierung des Tosbeckens im Jahr 2017 sind miteingeflossen. Das Sanierungskonzept hat sich laut Giacum Krüger, Direktor der EKW, bewährt: «Es hat einen Moment gedauert, bis die komplexen Abläufe optimal abgestimmt werden konnten. Doch die beauftragte Firma hat diese Herausforderungen gemeistert. Dadurch konnten die Ziele der Sanierung unfallfrei und auf umweltschonende Weise erreicht werden.»
Die Sedimente wurden vom Bachbett entnommen und in eine überdachte Anlage am Fusse der Staumauer transportiert und dort aufbereitet. Auch das Tosbecken direkt unterhalb der Staumauer wurde ein zweites Mal gereinigt. Steine und Kies wurden gewaschen und für die Wiederherstellung der Baupiste im Bachbett verwendet. So gelangte das gereinigte Material wieder in den Fluss. Das belastete Feinmaterial wurde separiert und im Zementwerk in Untersiggenthal (AG) bei rund 1200°C thermisch behandelt. Ein am unteren Ende der Sanierungsstrecke aufgestautes Absetzbecken diente dazu, angeschwemmtes und allenfalls belastetes Feinmaterial zurückzuhalten. Dieses wurde anschliessend vollständig abgepumpt und ebenfalls aufbereitet.
Nach Abschluss der Entnahme- und Aufbereitungsarbeiten Ende September wurde die Baupiste auf der gesamten Strecke aufgelockert. So können die geplanten ökologischen Hochwasser möglichst rasch wieder naturnahe Bedingungen schaffen. Ende Oktober waren auch diese Wiederherstellungsarbeiten abgeschlossen.

Wie geht es nun weiter?
Der obere Spöl wird derzeit mit ökologischen Hochwassern unterschiedlicher Intensität gespült. Dadurch soll wieder ein naturnahes Flussbett entstehen und damit ein geeigneter Lebensraum für Kleinlebewesen geschaffen werden. Die Strömung soll zudem Kiesflächen formen, welche Bachforellen ab Mitte November als Laichplätze dienen. Vor Beginn der Arbeiten waren rund 20’000 Bachforellen abgefischt und in den unteren Bereich des Spöls umgesiedelt worden. Mit der Entfernung der Sperre am unteren Ende der Sanierungsstrecke können die Fische wieder selbstständig aus dem unteren Flussabschnitt aufsteigen und den sanierten Lebensraum besiedeln.
Die ökologischen Hochwasser werden auch im kommenden Jahr fortgesetzt und von Gewässerökologen begleitet, um die Entwicklung gezielt zu beobachten und wenn notwendig zu unterstützen. Nach fünf bis sieben Jahren wird ein Monitoring zeigen, wie sich der Zustand von Wasser, Sediment und Lebewesen im Spöl entwickelt hat.
Saniert wurden die oberen rund 3 km des insgesamt 5,6 km langen Oberen Spöls. Der untere Abschnitt wird mit ökologischen Hochwassern gespült und anschliessend auf PCB untersucht. Überschreitet die Belastung die festgelegten Grenzwerte, muss auch dieser Abschnitt saniert werden. Ein Entscheid fällt nach Auswertung der Proben im Laufe des Winters.

Erleichterung beim Schweizerischen Nationalpark
Nach langen Diskussionen und Planungen ist die Erleichterung bei den Verantwortlichen des Schweizerischen Nationalparks gross. Nationalparkdirektor Ruedi Haller zieht eine positive Bilanz: «Mit dem gewählten Verfahren ist es gelungen, mehr als die angestrebten 90 Prozent der PCB aus dem Fluss und damit aus dem ökologischen Kreislauf zu entnehmen. Diese Entnahme ist die Voraussetzung dafür, dass wir in Zukunft die Belastung von Wasser, Sediment und Lebewesen wieder auf ein unbedenkliches Niveau senken können. Wir sind sehr froh, dass es nach zehn Jahren gelungen ist, die Sanierung erfolgreich durchzuführen und damit die Voraussetzung für eine unbelastete natürliche Entwicklung zu schaffen.»

Weitere Informationen: www.nationalpark.ch/spoelsanierung

 

Hintergrund
Im September 2016 liess die Engadiner Kraftwerke AG (EKW) an der Staumauer Punt dal Gall oberhalb Zernez Korrosionsschutzarbeiten durch eine spezialisierte Firma ausführen. Dabei gelangten feine Partikel des PCB-haltigen Rostschutzanstrichs ins Innere der Staumauer und von dort in den Spöl im Schweizerischen Nationalpark (SNP). EKW-Mitarbeitende stellten dies bei einer Kontrolle fest und meldeten es umgehend dem Amt für Natur und Umwelt (ANU). Untersuchungen zeigten später, dass bereits in den Jahrzehnten zuvor PCB aus dem Anstrich in den Bach gelangt war.
In der Folge zeigten Messungen des Amtes für Natur und Umwelt des Kantons Graubünden (ANU), dass die Sedimente des Oberen Spöls über eine Strecke von mehreren Kilometern mit hochgiftigen Polychlorierten Biphenylen (PCB) belastet sind. Das besonders stark mit PCB belastete, 60 Meter lange Tosbecken direkt unter der Staumauer wurde im Jahr 2017 erfolgreich saniert. Umstritten blieb jedoch, ob und wie der darunterliegende, 5,6 km lange Flusslauf des Oberen Spöls saniert werden soll und wer die Kosten dafür trägt.
Das ANU erliess am 12. Februar 2021 eine Verfügung und verpflichtete EKW zur Sanierung eines Teils der belasteten Strecke des Oberen Spöls. Gegen diese Sanierungsverfügung erhoben SNP, EKW sowie Aqua Viva, Pro Natura und WWF aus unterschiedlichen Gründen Beschwerde an das Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartement (EKUD). Bis zu einem rechtskräftigen Urteil hätten Jahre vergehen können – und selbst dann wäre offen gewesen, wie saniert würde.
Der SNP, EKW sowie die drei oben genannten Umweltverbände suchten 2022 deshalb gemeinsam am Runden Tisch nach einem neuen, optimierten Sanierungskonzept. Um diese Projektausarbeitung durchführen zu können, ersuchten sie das EKUD, das Beschwerdeverfahren gegen die Sanierungsverfügung des ANU zu sistieren. Nachdem die Parteien sich auf einen Vergleich geeinigt hatten, wurde diese als gemeinsamer Sanierungsvorschlag ins kantonale Verfahren eingebracht.
Der Kanton Graubünden ging in weiten Teilen auf den Vorschlag der beschwerdeführenden Parteien ein und genehmigte am 6. März die Vereinbarung und am 29. August 2024 das vorgelegte Bauprojekt für die Sanierung mit diversen Auflagen.