Beitrag von Julia Paterno und Christian Rossi, erschienen im Magazin Allegra Nr. 2, Wi 2026

In der Terra Raetica treffen drei Schutzgebiete mit unterschiedlichem Schutzstatus unmittelbar aufeinander. Zusammen bilden sie ein flächendeckendes grenzüberschreitendes Schutzgebiet. Um die Zusammenarbeit zu stärken, initiierten der Schweizerische Nationalpark, der Naturpark Biosfera Val Müstair und der Nationalpark Stilfserjoch Anfang dieses Jahres das Interreg-Projekt MAP-Rezia.

Terra Raetica

Bereits zur Zeit der Römer bezeichnete man die kulturelle Gemeinschaft im Herzen der Alpen als Terra Raetica. Die Terra Raetica umfasste dabei Regionen in den aktuellen Ländern Schweiz, Italien und Österreich. Der Wunsch nach grenzüberschreitender Zusammenarbeit im Rätischen Dreieck besteht auch heute noch. Dies zeigt sich unter anderem durch diverse länderübergreifende Projekte.

Karte Projektgebiet MAP Rezia

Übersichtskarte der beteiligten Schutzgebiete am Projekt MAP-Rezia.

Gleich und doch nicht ganz …

Auch wenn der Schutzstatus der drei Schutzgebiete unterschiedlich ist, so verfolgen doch alle teilweise ähnliche Ziele. Ein zentraler Aspekt für alle drei Gebiete sind einerseits die Durchführung von Forschungsprojekten, das Monitoring der Biodiversität und die Durchführung von Projekten zur Umweltbildung. Im Naturpark Biosfera Val Müstair und im Nationalpark Stilfserjoch steht zudem der Schutz der Landschaft als Zeugnis des Zusammenspiels zwischen natürlichen Ökosystemen und traditionellen menschlichen Aktivitäten im Fokus. Aber auch die sozialverträgliche touristische Nutzung ist ein wichtiges Thema. Im Schweizerischen Nationalpark (SNP) hingegen ist der Totalschutz das oberste Ziel. Natürliche Prozesse können sich hier frei entfalten. Der Mensch ist lediglich stiller Beobachter.

Natur kennt keine Grenzen

Der SNP ist mit seinen 111 Jahren, das älteste Schutzgebiet sowohl in der Region als auch alpenweit. Knapp gefolgt vom Nationalpark Stilfserjoch, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. Der Naturpark Biosfera Val Müstair hingegen ist noch recht jung. Erst vor 14 Jahren erhielt er sein Label. Die Gesamtfläche der drei Schutzgebiete erstreckt sich über beinahe 1800 km2 Fläche. Zusammen sind sie fast so gross, wie die kanarische Insel Teneriffa. Ein zusammenhängendes Schutzgebiet in dieser Grösse stellt heutzutage in Europa eine Seltenheit dar. In Zeiten, in denen die Zerschneidung der Landschaft in aller Munde ist, sind Schutzgebiete zunehmend isoliert und dicht umgeben von landwirtschaftlichen oder urbanen Gebieten. Durch den verringerten, zur Verfügung stehenden Lebensraum sinken die Populationsgrössen vieler Arten auf ein Minimum und ihr langfristiges Überleben ist gefährdet. Um dem entgegenzuwirken, braucht es entweder die Vernetzung vieler kleiner geschützter Gebiete oder ein grosses Gebiet, in dem sich die Natur ungestört entwickeln darf. Auch Arten mit ausgedehnten Streifgebieten sind auf grosse, zusammenhängende Schutzgebiete angewiesen. So wechseln Rothirsche aus Taufers (IT) für die Sommerfrische in den SNP und im SNP ausgewilderte Bartgeier brüten erfolgreich in Bormio (IT). Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mitten im Herzen der Alpen ist also grundlegend für den Naturschutz und den Erhalt der Biodiversität in der Region.

Karte Bewegungsmuster Rothirsche

Die Rothirsche in der Region überschreiten regelmässig (menschgemachte-) Grenzen.

fliegender Bartgeier

Bartgeier im Nationalpark Stilfserjoch: Die Eltern des ersten frei geschlüpften Bartgeiers im Nationalpark Stilfserjoch wurden im SNP ausgewildert. (Foto: Andrea Pulvirenti)

Gemeinsam stark

Um Arten über Landesgrenzen hinweg schützen zu können, machen der SNP, der Naturpark Biosfera Val Müstair und der Nationalpark Stilfserjoch gemeinsame Sache. Anfang dieses Jahres starteten die drei Pärke das Interreg-Projekt «Monitoraggio della biodiversità nelle Aree Protette della Rezia», kurz MAP-Rezia. Das Ziel des Projekts ist es, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Rätischen Dreieck zwischen Italien und der Schweiz zu fördern. Der Fokus liegt dabei vor allem auf den Bereichen Biodiversitäts-Monitoring, Schutzgebiets-Management und Kommunikation. Die drei Pärke führen gemeinsame Workshops durch, erarbeiten ein neues Bildungsangebot, harmonisieren Monitoring-Daten und fördern aktiv den regen Informationsaustausch. Das Projekt zeigt, wie Naturschutz-Gebiete voneinander profitieren können und dass Naturschutz über Grenzen hinweg möglich und sinnvoll ist. Ein erstes Fazit bestätigt: Tiere kennen keine mensch-gemachten Grenzen. Dies beweisen Bilder von unseren Fotofallen auf der Fuorcla Trupchun: Sie zeigen Steinböcke, die exakt auf dem Grenzgrat entlangwandern.
Das Projekt wird von der Europäischen Union, dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, dem italienischen Staat, dem Rotationsfonds, der Schweizerischen Eidgenossenschaft und den Kantonen im Rahmen des Kooperationsprogramms Interreg VI-A Italien-Schweiz Co-finanziert.

 

Div. Logos Partner MAP-Rezia

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