Ein Beitrag von Fabienne Frey und Stefanie Gubler (SCNAT)
Wie verändert sich die Schneedecke in der Nationalparkregion? Was wissen wir über ökologische Prozesse und tierische Aktivitäten während der Winterzeit? Und was nicht? Diesen Fragen widmete sich die Forschungskommission des Nationalparks in ihrer winterlichen Klausur.
Titelbild: Teilnehmende der Klausur auf schneereicher Exkursion (©Ruedi Haller).
Wenn die Winterruhe im Nationalpark einkehrt, schläft längst nicht alles. Fische laichen, Wasseramseln schwimmen, Bartgeier brüten – und die Forschungskommission des Nationalparks (FOK-SNP) tagt. In ihrer Klausur vom 27. und 28. Januar 2026 setzte sich die Kommission ganz im Sinne der Jahreszeit vertieft mit dem Winter in der Nationalparkregion auseinander. Das Programm bestand aus einer dreiteiligen Vortragsreihe am ersten Klausurtag, ergänzt durch schneereiche Exkursionen am Folgetag.

Christoph Marty begrüsst das Publikum zur Vortragsreihe der Klausur (©Fabienne Frey).
Schneedecke im Wandel
Zum Auftakt der Vortragsreihe gab Christoph Marty einen Einblick, wie das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF Schneedaten erhebt und auswertet. Mit einer Kombination aus Bodenmessungen, Satellitendaten und Modellen können die Forschenden die schneebedeckte Fläche in der Schweiz abbilden. Die Schneedecke variiert über Raum und Zeit, die Varianz von einem schneearmen bis zu einem schneereichen Winter ist gross. Ein Trend zeichnet sich aber ab: Der Anteil der schneebedeckten Fläche geht zurück und zwar vor allem in den Frühlingsmonaten. Dieses Muster gilt genauso für die Nationalparkregion.
Mit den Schneebewegungen in der Nationalparkregion kennt sich Walter Abderhalden besonders gut aus. Als Präsident der Lawinenkommission Zernez misst er jeden Morgen um 6 Uhr den Neuschnee und trägt sdamit zur Beurteilung der Lawinengefahr bei. In seinem Vortrag erklärte er, wie Lawinen entstehen und wie sich Wetterdaten, Beobachtungen im Gelände und Untersuchungen der Schneedecke im Gelände zur Beurteilung ergänzen. Seine wohl wichtigste Botschaft: Der Wind kann ein wesentlicher Baumeister von Lawinen sein. Er kann den Schnee so erodieren und verfrachten, dass Schwachschichten in der Schneedecke entstehen, welche Lawinen auslösen können. Daher ist es – unabhängig von der Neuschneemenge – wichtig, sich mit dem Lawinenbulletin über die aktuelle Gefahrensituation zu informieren.
Mit einem Blick in die Zukunft ergänzte Sven Kotlarski die Vortragsreihe. Der Hydrologe und Klimatologe war an den im November veröffentlichten Klimaszenarien von MeteoSchweiz und der ETH Zürich beteiligt. Die auf Messreihen und Klimamodellen basierenden Szenarien zeigen: Mit der anhaltenden Erderwärmung gibt es mehr Starkniederschläge, und der Anteil des Schnees am Niederschlag wird deutlich abnehmen – bei einer 3 Grad wärmeren Welt um 25 Prozent. Dabei ist wichtig zu wissen: Eine globale Erwärmung von 3 Grad seit dem vorindustriellen Zeitalter bedeutet für die Schweiz eine Erwärmung von 4.9 Grad. Das heisst nicht, dass der Schnee hierzulande komplett verschwindet – aber schneereiche Winter wird es künftig deutlich weniger geben. Auch in der Nationalparkregion. Die Klimaszenarien ermöglichen neu solche genaueren regionalen Einschätzungen. Die regionalen Auswirkungen sind im Webtool des Projekts Kompass Schnee ersichtlich.

Die Klausur-Teilnehmenden vor dem Schloss Planta Wildenberg (©Fabienne Frey).
Auf der Spur von Winterforschungslücken
Die Mitglieder der FOK-SNP begaben sich bei Schneefall selbst ins Weisse. Mit Watstiefeln – so hoch, dass der gestiefelte Kater nicht hätte mithalten können – ging es für eine Gruppe an den Spöl runter. Die Exkursion thematisierte die Winteraktivitäten von Tieren wie Wasseramseln oder Fischen. So geschieht etwa die Entwicklung des Fischlaichs über den Winter. Mittels regelmässiger Erhebungen untersuchen Forschende die Laichgruben, ebenso die Quellen und Seitenbäche. Die Quellkomplexe sind aufgrund ihrer konstanten Temperaturbedingungen wichtige Refugien für viele Arten, auch in Anbetracht der anstehenden PCB-Sanierungsarbeiten am Spöl. Bekannt ist allerdings längst nicht alles zu den winterlichen Aktivitäten von Arten und Ökosystemprozessen – Forschungslücken bestehen zum Beispiel bei den Gemeinschaften von Makroinvertebraten.
Die zweite Gruppe wanderte mit Schneeschuhen auf die Alp Ivraina und widmete sich den Themen Wald und Fauna. Ihre Diskussionen zeigten Forschungsbedarf insbesondere zum Einfluss von Lawinenereignissen auf die Waldfläche und die Verteilung von Huftieren. Auch über das Wurzelwachstum der Bäume im Winter ist bis anhin wenig bekannt. Neue Methoden und Erhebungen versprechen hier wertvolle Erkenntnisse. Wichtig zu beachten und zu respektieren ist im Zuge von solchen Forschungsprojekten die grosse Bedeutung der Winterruhe für die Tierpopulationen. Alles in allem gab die Klausur der Forschungskommission einen wertvollen Wintereinblick und ermöglichte einen regen Austausch, um gut gewappnet in ein erkenntnisreiches Jahr zu starten.

Unterwegs in der Winterlandschaft (©Pauline Bütikofer).