Beitrag von Stefanie von Fumetti, Universität Basel; Angelika Abderhalden, UBEVM, erschienen im Magazin Allegra Nr. 6, So 2026

Scuol ist vor allem berühmt für seine vielen Mineralquellen. Daneben gibt es einige Quellen, die zwar weniger bekannt, deshalb jedoch nicht weniger wichtig sind. Ein Spaziergang durch die Val S-charl gibt einen kleinen Einblick in diese Vielfalt.

Quellen gehören zu den wertvollsten und sensibelsten Lebensräumen. Sie beherbergen eine spezielle Tier- und Pflanzenwelt. Das Besondere an ihnen ist, dass sie uns Menschen mit sauberem Wasser versorgen und einen bedeutenden Beitrag zur Vielfalt der Lebensräume leisten. Oft sind sie nicht sehr auffällig und manchmal läuft man einfach an Quellen vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Daher benötigen sie Aufmerksamkeit, um sie zu schützen und zu bewahren. Dies wird in verschiedenen Projekten in der Region unter Begleitung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern umgesetzt.

Wissenschaftliche Untersuchungen zu den Quell-Lebensräumen

Quellen sind sehr stabile Lebensräume mit konstanten Wassertemperaturen, die sehr langsam auf Umweltveränderungen reagieren. Doch auch vor Quellen wird der Klimawandel keinen Halt machen. Wenn sie sich erwärmen oder versiegen, ist dies ein Alarmzeichen für sämtliche Gewässer in einer Region. Deshalb wird seit rund sechs Jahren in der UNESCO Biosfera Engiadina Val Müstair erforscht, ob sich die Quellen und deren Ökosysteme im Laufe der Jahre verändern. Aktuell sind die untersuchten Quellen so stabil, wie bisher. So hat beispielsweise eine Quelle im Gebiet Ravitschana in der Val S-charl  ganzjährig eine Wassertemperatur um 4.5 °C. Allerdings deutet einiges darauf hin, dass die Grundwasserspeicher leerlaufen und die Quellen in diesem Jahr mit weniger Wasserführung auf den fehlenden Regen reagieren (siehe Grafik).

Grafik Wasserführung einer Quelle in der Val Ftur

Wasserführung einer Quelle in der Val Ftur in Schweizerischen Nationalpark

Dies wird sich mittelfristig auch auf die Besiedelung der Quellen auswirken, da viele der an diesen Lebensraum angepassten Tiere und Pflanzen sowohl konstante Wassertemperaturen als auch eine stetige Wasserführung benötigen.
Doch nicht nur der Klimawandel kann für die Quellen zum Problem werden. In der ganzen Schweiz sind Quellen auf einer Höhe um 1500 m ü.M. der Weidewirtschaft ausgesetzt. Quellwasser ist für Kühe auf der Weide der wichtigste Trinkwasserspender. Gleichzeitig verursachen zu viele Kühe im Bereich einer Quelle immer auch eine erhebliche mechanische Belastung durch den Viehtritt. Zusätzlich sorgen die Weidetiere für eine erhöhte Nährstoffzufuhr (siehe Foto).

Viehtritt bei Quelle

Viehtritt und Nährstoffe belasten den Quell-Lebensraum. (Foto: Stefanie von Fumetti)

Ausgelegtes Gitter über Viehtritt

Mit einem ausgelegten Gitter wurde der Viehtritt von Louise Imboden quantifiziert. (Foto: Stefanie von Fumetti)

Um dem Ausmass der Belastung für den Quell-Lebensraum genauer auf den Grund zu gehen, hat sich Louise Imboden in ihrer Masterarbeit mit der Frage beschäftigt, wie intensiv Viehtritt sein darf, ohne dass er den Quell-Lebensraum stark beeinträchtigt. Es zeigte sich, dass wenige Kühe und damit vereinzelter Viehtritt für die Quelle und ihre Bewohner weitgehend unproblematisch sind.

Aufzeigen der Schönheit und der Bedeutung von Quellen

Neben den wissenschaftlichen Untersuchungen ist es auch wichtig auf die Bedeutung von Quellen und ihre Besonderheiten hinzuweisen. So hat Eliane Hofstetter im Rahmen ihrer Masterarbeit zum ersten Mal die Quellen in Samnaun für die Öffentlichkeit wahrnehmbar gemacht. Basierend auf ihrer Arbeit wurden in der Gemeinde interaktive Quellen-Trails entwickelt, auf denen im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung spielerisch Wissen um Quellen vermittelt wird. Aufbauend auf dieser Arbeit entstand die Idee, weitere mögliche Methoden zu entwickeln, um die Schönheit und den Wert der Quellen der Bevölkerung zugänglich zu machen.

Im Sommer 2026 hat Celina Speissegger mit ihrer Masterarbeit über Quellen in der UNESCO Biosfera Engiadina Val Müstair begonnen. Sie wird einen interaktiven Lehrpfad zu Quellen entwickeln, der durch die Val S-charl führt und S-charl mit Lü in der Val Müstair verbindet. Um mehr über die lokal verschiedenen Quell-Typen, die Tiere und Pflanzen in den Quellen und deren kulturhistorische Bedeutung zu erfahren, beging Celina im Sommer ein paar Mal den Weg von S-charl nach Lü. Dabei entdeckte sie immer wieder Neues. Der Pfad soll im Sommer 2027 fertiggestellt und erlebbar sein.

Quellforscherin mit Kuh

Quellforschung in der Val S-charl, Auge in Auge mit Kühen. (Foto: Nicola Steiner)

Infobox

Da Quellen für die Biodiversität und für den Menschen im Rahmen der Trinkwasserversorgung sehr wertvolle und wichtige Lebensräume sind, werden möglichst alle Quellen in der Region kartiert. Dabei werden sowohl Informationen zu ihrem ökologischen Zustand als auch Angaben zur Quellschüttung (Wassermenge) aber auch zu möglichen Gefährdungen oder Aufwertungen des Lebensraums erfasst. Das Amt für Natur und Umwelt des Kantons Graubünden unterstützt diese Untersuchungen sowie weitere Folgearbeiten. Dazu gehören z.B. auch die beiden in Samnaun entwickelten N-Trails oder die verschiedenen N-Trail Posten in Scuol.