Ein Beitrag von Pia Anderwald, Schweizerischer Nationalpark
Für über 100 Jahre war der Rotfuchs der grösste vierbeinige Beutegreifer im Schweizerischen Nationalpark (SNP). Dies änderte sich mit dem Auftauchen des einzelnen Wolfsweibchens F18 Ende 2016, und spätestens mit der Bildung des Wolfsrudels Fuorn, das im Jahr 2023 und 2024 Welpen im Park aufzog.
Wenn Beutegreifer sich beeinflussen
Von Hunde- und Katzenartigen ist bekannt, dass unterschiedliche Arten zwar durchaus voneinander profitieren können, es aber auch zu tödlichen zwischenartlichen Auseinandersetzungen kommen kann. Bei diesen zieht naturgemäss meist die kleinere Art den Kürzeren. Neben direkten Effekten durch solche Auseinandersetzungen kann es auch zu indirekten Effekten kommen, wenn die beiden Arten um dieselben Beutetiere konkurrieren. So reduzierten die im Yellowstone-Nationalpark wiederangesiedelten Wölfe innerhalb von 5 Jahren den Bestand von Kojoten, also des nächst-kleineren Beutegreifers, durch direkte Tötung und Konkurrenz um 39 %. Dadurch erholte sich der Bestand an Gabelböcken, deren Kitze zuvor oft Kojoten zum Opfer gefallen waren. In ähnlicher Weise reduzierten wiederangesiedelte Luchse die Zahl der Rotfüchse in einem Gebiet in Schweden. Gleichzeitig stieg dort der Bestand an Schneehasen, der gemeinsamen Beute von Fuchs und Luchs.
Dem Fuchs auf der Spur
Wenn Wölfe in Amerika und Luchse in Schweden einen Einfluss auf Kojoten bzw. Rotfüchse und ihre gemeinsamen Beutetiere haben, wie wirkt sich dann die natürliche Rückkehr des Wolfs in die Nationalparkregion auf den Rotfuchs und dessen Beutetiere aus? Diese Frage untersucht der SNP in einem 2016 gestarteten Fuchsprojekt. Zum Einsatz kommen dabei unter anderem systematische Kotsammlungen entlang der Wanderwege im Sommer sowie Spurensuchen entlang vorgegebener Routen im Winter. Bei den Kotsammlungen werden die 100 Kilometer Wanderwege innerhalb des SNP im ersten Durchgang zunächst von jeglichem alten Kot gesäubert. Im Abstand von je drei Wochen finden dann der zweite und dritte Durchgang statt, wobei der neugefundene Kot eingesammelt wird. So erhält man eine Schätzung der relativen Fuchsdichte entlang der Wanderwege über einen fixen Zeitraum. Diese lässt sich direkt zwischen den Jahren vergleichen. Bei den winterlichen Spurensuchen werden jeweils 3 Tage nach Neuschnee feste Routen abgegangen und alle Spuren von Füchsen, Mardern, Schneehasen, Eichhörnchen und Mäusen notiert, welche von diesen Linien aus gesehen werden. Auch diese Methode erlaubt einen direkten Vergleich zwischen den Jahren. Von Bedeutung ist hier, dass der SNP diese beiden Methoden schon seit 2016 anwendet. Von 2016 bis 2022 lebte im SNP nur die Wölfin F18. In den Jahren 2023 und 2024 hingegen durchstreifte das Fuorn-Rudel den Park. Leider konnten zwischen 2021 und 2023 keine Kotsammlungen und Spurensuchen durchgeführt werden. Es ist aber immerhin möglich, die Zahlen von 2016 bis 2020 mit jenen von 2024 zu vergleichen.
Geringere Anzahl indirekter Fuchsnachweise im ‘Wolfsjahr’ 2024
Die mittlere Anzahl Fuchsspuren pro ‘Such-Durchgang’ über alle Routen zwischen den Wintern 2016 bis 2020 (ohne bzw. mit einem Einzelwolf im SNP) lag relativ konstant zwischen 35 und 46. Im Winter 2024 (mit einem Wolfsrudel im SNP) waren es hingegen gerade mal 26, also 26 % bzw. 43 % weniger als in den Jahren zuvor.
Bei den Kotsammlungen im Sommer verhielt es sich ähnlich: Zwischen 2016 und 2020 wurden über den 2. und 3. Durchgang zusammen zwischen 191 und 246 Fuchskotproben entlang der Wanderwege im SNP gefunden. Im Jahr 2024 waren es dagegen nur 118, also 38 % bzw. 52 % weniger als in den Jahren 2016 bis 2020.
Vorsichtige Interpretation der Ergebnisse
Weil die erwähnten Resultate nur ein Jahr mit einem Wolfsrudel berücksichtigen, müssen wir sie sehr vorsichtig interpretieren. Zwar sind die beobachteten Unterschiede zwischen der Zeit ohne und mit dem Fuorn-Rudel gross im Vergleich zu den Schwankungen zwischen den Jahren 2016 bis 2020. Statistisch belastbare Aussagen lassen sich aber erst machen, wenn wir Daten von mehreren Jahren mit Rudelpräsenz im Park haben. Zudem ist derzeit noch nicht sicher, ob es im Jahr mit Rudelpräsenz wirklich bereits zu einer Bestandsreduktion beim Rotfuchs kam. Eine andere Erklärung ist, dass die Füchse lediglich ihr Verhalten änderten: In Wolfspräsenz könnten Füchse z.B. einfach weniger ‘frech’ sein und seltener entlang der Wanderwege mit Kot markieren. Doch dann würden wir nicht erwarten, dass wir auch im Winter weniger Spuren von Füchsen im Schnee fänden. Die parallele Reduktion sowohl bei den Kotfunden als auch bei den Spuren im Winter deutet also eher auf eine echte Bestandsreduktion hin. So oder so: Die bisherigen Ergebnisse zeigen ein interessantes Muster; um den Resultaten vertrauen zu können, brauchen wir jedoch zwingend noch Daten von mehreren Jahren mit Rudelpräsenz.