Ein Beitrag von Elena Siegrist (Eidg. Forschungsanstalt WSL), Linda Feichtinger (Naturpark Biosfera Val Müstair) und Matthias Bürgi (Eidg. Forschungsanstalt WSL)

 

Wie wäre es, bei durchschnittlich plus 4,9 °C im Val Müstair einen Spaziergang zu machen und über das Tal zu blicken? Dieser Frage geht das Forschungsprojekt «Klimawandel – Landschaften: die Zukunft nachhaltig gestalten (KLANG)» der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL nach. Die neu veröffentlichten Zukunftsbilder zeigen, wie das Tal künftig aussehen könnte.

Titelbild: Ausschnitt aus dem reaktiven Zukunftsszenario für Sta. Maria (© ikonaut)

„Die Veränderungen begannen schleichend – anfangs sahen wir jedes Unwetter, jede Trockenperiode als Einzelereignis. Wir räumten auf, in der Hoffnung, dass der nächste Murgang, der nächste Schädlingsbefall ausbleibt. Heute gehen wir anders mit dem Klimawandel um: Wir planen voraus, fördern widerstandsfähige Wälder, unterstützen die Landwirtschaft und lassen das Wasser versickern. Das Val Müstair ist inzwischen klimaneutral.“ (2070, Corina T.)

Die Stimme aus dem Jahr 2070 spricht über ein im Vergleich zur vorindustriellen Zeit 4,9 °C wärmeres Val Müstair. Sie entstand im Projekt KLANG, das neue Wege im Umgang mit Landschaft und Klimawandel zu finden und fördern sucht, damit die Landschaftsqualität bewahrt werden kann. Denn: Die Landschaft prägt das Val Müstair in vielerlei Hinsicht. Sie ist Lebensraum, Arbeitsgrundlage und Teil der Identität. Sie liefert damit nicht nur materielle Ressourcen, sondern auch kulturelle, soziale und ökologische Leistungen, die zum Wohlbefinden der Menschen beitragen. Durch den Klimawandel sind diese Leistungen und die heutige Landschaftsqualität zunehmend gefährdet.

Die aktuellen Klimaszenarien (CH2025) zeigen, dass die Schweiz stark vom Klimawandel betroffen ist. Insbesondere in den Alpen erwärmt sich das Klima deutlich stärker als im globalen Durchschnitt. Künftig ist mit trockeneren Sommern, häufigeren und intensiveren Hitzewellen, mehr Starkniederschlägen sowie mit schneearmen Wintern zu rechnen. Der Klimawandel und seine Auswirkungen stellen damit eine zentrale Herausforderung für die Schweiz dar.

Ein Blick zurück und nach vorne

Im Zentrum des Projekts KLANG stehen Zukunftsbilder für drei ausgewählte Orte im Val Müstair. Sie veranschaulichen, wie sich vertraute Landschaften bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts unter dem Klimawandel entwickeln könnten. Die Bilder sind keine Prognosen, sondern mögliche Szenarien. Sie sind eingebettet in einer Zeitreihe mit heutigen und historischen Aufnahmen. So wird sichtbar, wie sich die Landschaft bereits verändert hat und wie sie sich weiterentwickeln könnte.

Die Szenarien entstanden in einem partizipativen Prozess: Forschende und Personen aus der Region entwickelten sie gemeinsam. Die Szenarien verbinden wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel mit kantonalen und nationalen Klimastrategien sowie mit lokalem Wissen über Bewirtschaftung, Wald und Landwirtschaft. Dafür hat das KLANG-Team elf Fachleute aus dem Val Müstair befragt – Landwirte, Försterinnen, Naturschützer, Gemeinde- und Kantonsvertreter – Menschen also, die das Tal und seine Dynamiken gut kennen. Ihre Einschätzungen flossen zusammen mit einem wissenschaftlichen Systemmodell in die Entwicklung der Szenarien ein. Illustratoren des Unternehmens ikonaut haben die Visualisierungen erstellt, welche danach den lokalen Projektverantwortlichen des Naturparks Biosfera Val Müstair vorgestellt wurden. Sie konnten Rückmeldung geben: Was fehlt? Was stimmt nicht? Was sollte anders dargestellt werden? Anhand dieser Rückmeldungen wurden die Szenarien finalisiert. Denn wie eine Landschaft auf den Klimawandel reagiert, ist unterschiedlich – und abhängig von ihrer Geschichte und der heutigen Bewirtschaftung.

Blick auf Müstair von Pradalai:

Historisches Bild, aufgenommen um 1894, nachträglich koloriert (© Robert Durrer, Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege EAD: Dokumentationen von Restaurierungen und Grabungen, koloriert durch ikonaut)

Sommer 2025 (© Tamara Estermann, Schweizerischer Nationalpark).

Reaktives Zukunftsszenario: Wälder und Landwirtschaft leiden unter Hitze, Trockenheit und Schädlingsbefall. Die Spuren vergangener Unwetter sind sichtbar. Hier wird eine Zukunft gezeigt, in der Politik und Gesellschaft in der Schweiz nicht vorausschauend auf die Auswirkungen des Klimawandels reagieren und die Treibhausgasemissionen hoch bleiben. Alle müssen selbst versuchen sich anzupassen so gut es geht (© ikonaut).

Proaktives Zukunftsszenario: Vorausschauende Massnahmen haben die Resilienz von Wäldern und Landwirtschaft verbessert. Treibhausgasemissionen im Bereich Gebäude und Mobilität wurden reduziert. Hier wird eine Zukunft gezeigt, in der Politik und Gesellschaft frühzeitig reagieren, aktive Anpassungsstrategien umsetzen und das Ziel von Netto-Null-Emissionen bis 2050 erreichen (© ikonaut).

Das Projekt KLANG zeigt somit, dass der Klimawandel alle Lebensbereiche im Val Müstair beeinflusst und zahlreiche Herausforderungen mit sich bringt. Eine vorausschauende, proaktive Handlungsstrategie kann negative Folgen abmildern und gleichzeitig die Qualität der Landschaft sowie die Lebensqualität im Tal bewahren.

Hier können die Szenarien als Bilder und Geschichten für alle drei Standorte angeschaut werden: https://www.wsl.ch/de/projekte/landschaften-im-klimawandel

 

Literatur:

MeteoSchweiz, & ETH Zürich. (2025). Klima CH2025—Klimazukunft Schweiz (p. 24). Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz.

Siegrist, E. G., & Bürgi, M. (2026). Val Müstair im Klimawandel. Landschaftsszenarien 4,9 °C plus. https://www.dora.lib4ri.ch/wsl/item/wsl%3A42893

Tobias, S., Siegrist, E. G., Bütikofer, L., Bürgi, M., Liechti, K., Reynard, E., Guisan, A., Urbach, D., & Randin, C. (2023). +4 °C und mehr: Schweizer Landschaften im Klimawandel (Vol. 139). Swiss Federal Institute for Forest, Snow and Landscape Research, WSL. https://doi.org/10.55419/wsl:35308