Wolf, Bär und Luchs spielen als grosse Beutegreifer im alpinen Lebensraum eine wichtige ökologische Rolle. Sie rufen aber auch Ängste hervor und können Schäden an Nutztieren verursachen. Um diesen Interessenkonflikten zu begegnen und ein nachhaltiges Zusammenleben von Mensch und grossen Beutegreifern in der Region zu fördern, hat der Schweizerische Nationalpark ein Arbeitsprogramm lanciert. Darin engagiert er sich für einen optimierten Herdenschutz und ein besseres wissenschaftliches Verständnis der Bedeutung der grossen Beutegreifer.

Gemäss Nationalparkgesetz ist der Schweizerische Nationalpark (SNP) «… ein Reservat, in dem die Natur vor allen menschlichen Eingriffen geschützt und namentlich die gesamte Tier- und Pflanzenwelt ihrer natürlichen Entwicklung überlassen wird. Es sind nur Eingriffe gestattet, die unmittelbar der Erhaltung des Parks dienen». Zur Tierwelt gehören auch die grossen Beutegreifer. Seit Jahren betreibt der SNP ein intensives Monitoring- und Forschungsprogramm, um die Auswirkungen der Rückkehr des Wolfes zu dokumentieren und besser zu verstehen. Mit der Bildung eines Rudels 2023 im Ofenpassgebiet wurden erste Auswirkungen sichtbar. So zeigen vorläufige Ergebnisse, dass die Dichte von Rehen und Füchsen lokal zurückgegangen sein könnte. Veränderungen gab es auch bei den Aufenthaltsorten der Rothirsche.

Folgen des Abschusses
Trotz Intervention bei Bund und Kanton konnte der SNP den Abschuss des Wolfsrudels Fuorn im Winter 2024/25 nicht verhindern. Der Abschuss bedeutete einen Rückschritt für den Naturschutz und für die Forschungsarbeit des SNP. Aus diesem Grund hat sich die Eidgenössische Nationalparkkommission (ENPK) entschlossen, das Programm «Nationalpark und grosse Beutegreifer» zu lancieren. Mit diesem Instrument soll erreicht werden, dass der gesetzliche Auftrag des SNP unter den neuen Voraussetzungen auch künftig erfüllt werden kann. ENPK-Präsidentin Heidi Hanselmann meint dazu: «Der Wolf ist hier und er wird bleiben. Es ist an uns, einen Umgang mit ihm zu finden. Der Nationalpark ist bereit, diesen Prozess zu begleiten und im Rahmen seiner Möglichkeiten zu unterstützen.»

Fünf Schwerpunkte
Das Programm «Nationalpark und grosse Beutegreifer» umfasst fünf Bereiche. In der Dimension «Recht» steht die Frage im Zentrum, auf welcher Basis der Schutz der grossen Beutegreifer in der Umgebung des SNP gewährleistet werden kann, um auch dem Nationalparkgesetz zu genügen. Im Bereich «Gesellschaft» geht es um die Voraussetzungen für ein Zusammenleben von Mensch und grossen Beutegreifern. Der Bereich «Forschung» soll die Biologie und ökologische Rolle der grossen Beutegreifer in der Nationalparkregion untersuchen. Unter «Monitoring» laufen Projekte, die das Verhalten und die Verbreitung der grossen Beutegreifer dokumentieren. Und der Themenbereich «Management und Herdenschutz» hat zum Ziel, durch die Entwicklung und Umsetzung von innovativen Ansätzen den Herdenschutz zu optimieren und die Landwirtschaft in der Region zu unterstützen.

Synergien nutzen
Gemäss Nationalparkdirektor Ruedi Haller entwickeln sich diverse Projekte in den fünf Themenbereichen parallel. Diese Vorgehensweise ermöglicht zahlreiche Synergien. «Wir versuchen, so viele Institutionen und Fachpersonen wie möglich zu integrieren und bringen insbesondere unsere Erfahrung mit Informationssystemen bei der Aufnahme und Vermittlung von Karteninhalten und mit der Besenderung von Wildtieren ein. So können z.B. Wölfe oder auch Weidetiere mit Halsbandsendern versehen und damit ihr gegenseitiges Verhalten draussen auf den Alpweiden besser überwacht werden» sagt Haller und ergänzt: «Nicht alle Projekte werden auf Anhieb Erfolg haben. Doch kommen wir voran, wenn wir im Dialog mit den Personen vor Ort bleiben, uns Zeit nehmen und aus Fehlern lernen. Der SNP strebt mit seinem Engagement den Aufbau von Kooperationen und Massnahmen an, welche die Koexistenz zwischen Mensch und grossen Beutegreifern in der Nationalparkregion stärken.»

Interdisziplinärer Ansatz

Das Programm «Nationalpark und grosse Beutegreifer» ist zeitlich nicht befristet, denn Erkenntnisse und Fortschritte kommen nicht von heute auf morgen. Dem SNP ist es ein grosses Anliegen, dass nicht nur über die von grossen Beutegreifern verursachten Schäden berichtet wird, sondern auch über die ökologischen Auswirkungen der grossen Beutegreifer. Gerade wenn es um die Vitalität des Gebirgswaldes geht, spielen Wölfe eine wichtige Rolle. Solche Zusammenhänge gilt es zu klären und in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Denn «… die pauschale Dezimierung der Wolfsbestände ist nicht zielführend. Das konnten wir schon in der Vergangenheit bei den Rothirschen sehen: In den 1970er Jahren ist es erst mit gezielter Forschung gelungen, ein optimiertes Management der Hirschpopulation zu entwickeln, das auch heute noch erfolgreich praktiziert wird und weitherum Akzeptanz findet,» meint Haller.

 

Mehr Informationen zum Arbeitsprogramm «Nationalpark und grosse Beutegreifer»:

www.nationalpark.ch/grossebeutegreifer

 

Link Beitrag Julia Timcke zum Rehprojekt des SNP

Link Beitrag Pia Anderwald zum Fuchsprojekt des SNP