Titelbild: Ein sehr seltener Fund aus der Val Muraunza: Anatas, 0,5 mm blauer, tafeliger Kristall mit Hämatit, Albit und Quarz (©Gianpaolo Pedersini)
Ein Beitrag von Linda Feichtinger (Regionaler Naturpark Biosfera Val Müstair)
Lange galt das Val Müstair als wenig ergiebig für Mineralienfunde. Doch der italienische Mineralienexperte Edy Romani aus Bormio hat das Tal 7 Jahre lang systematisch untersucht. Seine Forschungsergebnisse förderten erstaunliche Entdeckungen zutage und zeigen die beeindruckende Vielfalt von rund 100 verschiedenen Mineralien. Die Funde sind nun in einem faszinierenden Buch dokumentiert.
Viele Regionen in den Alpen, wie beispielsweise die Surselva im Bündner Oberland, sind für ihren Mineralienreichtum bekannt. Mineralien entstanden durch magmatische Vorgänge bei der Erstarrung von Gesteinsschmelzen, durch die Ablagerung von Sedimenten oder durch die Umwandlung bereits vorhandener Gesteine. Das Val Müstair mit seinen Sedimentgesteinen, Wechsellagerungen von Sedimenten mit vulkanischem Gestein und unter grossem Druck und grosser Hitze umgewandelten Metamorphiten galt bisher nicht als bedeutende Mineralienregion. Noch bis 2017 waren lediglich 14 verschiedene Mineralien wissenschaftlich für das Gebiet dokumentiert. Nun zeigte sich, dass mit viel Fachkenntnis und noch mehr Ausdauer auch im Val Müstair ganz Erstaunliches ans Licht kommen kann. Edy Romani untersuchte das Tal über 7 Jahre hinweg systematisch. Dabei fand der Direktor des Mineralogischen und Naturkundlichen Museums von Bormio rund 100 verschiedene Mineralien. Zuvor hatte er bereits die Mineralienvorkommen der Täler um Bormio und Livigno in Italien sowie der Val Poschiavo in der Schweiz untersucht.

Valentit in Kügelchen auf Boulangerit und Jamesonit in Calcit aus der Val Schais, Bildbereich 6 x 5 mm (©Gianpaolo Pedersini)
Erster Türkis in der Schweiz und in den Alpen
Auf die Frage, wie er ein so grosses Gebiet wie das Val Müstair nach Mineralien absuchen konnte, meint Edy Romani: «Dies hat viel mit Erfahrung zu tun.» Er sieht die Berge nicht nur als Gestein, er sieht sie als Buch, in dem jede Gesteinsfarbe und jede Felsstruktur eine Geschichte erzählen. «Man muss nur lernen, die Geschichten zu lesen», sagt der Mineralienexperte. Dank ihm erhalten wir einen Einblick in diese bisher verborgenen Geschichten des Val Müstair. Neben Anatas, Azurit, Rosasit, Titanit und Wulfenit ist der spektakulärste Fund zweifellos ein Türkis aus La Sassa in Tschierv. Diese Entdeckung ist ein Novum für die ganze Schweiz und den Alpenbogen. Edy Romani entdeckte auch Gold im Gestein bei Chazforà, jedoch in äusserst kleinen Einlagerungen, die sich auf eine einzige Fundstelle im gesamten Tal beschränken und so geringfügig sind, dass das Val Müstair wohl von einem möglichen Goldrausch verschont bleiben wird.

Türkis aus La Sassa in Tschierv
Kleine Juwelen einer verborgenen Welt
Die Entdeckungen von Edy Romani sind in dem Buch Kleine Juwelen einer verborgenen Welt – Piccoli gioielli di un mondo nascosto zusammengefasst. Das feine Werk, das durchgehend auf Deutsch und Italienisch verfasst ist, entstand in Zusammenarbeit mit dem Mailänder Geologieprofessor Fabrizio Berra. Die beiden Experten präsentieren auf 220 Seiten 101 Mineralien zusammen mit faszinierenden Fotografien des Mailänder Naturfotografen Gianpaolo Pedersini. Unermüdlich unterstützt wurde das Projekt von Edy Romanis Ehefrau Giovanna, zahlreichen weiteren Mineralienexperten und dem Regionalen Naturpark Biosfera Val Müstair, der den Druck des Buches mitfinanzierte.
Ein Aufruf zur Weiterforschung
Noch sind nicht alle Mineralien abschliessend klassifiziert, Mineralien mit ungeklärten Fragen mit einem Sternchen markiert. Edy Romani sieht die Forschung im Val Müstair daher nicht als abgeschlossen. Die Dokumentation und das Buch versteht er als Aufforderung an andere Fachleute, die geologischen Geheimnisse des Val Müstair weiter zu erforschen. Alle Mineralien sind im Museum in Bormio gelagert und stehen dort für kommende Forschungszwecke zur Verfügung.
Weitere Informationen
Das Buch Kleine Juwelen einer verborgenen Welt ist für CHF 38.– bei Qualitas und im Klosterladen in Müstair, im Kiosk in Sta. Maria und in der Gäste-Information in Tschierv erhältlich. Sie können es auch per E-Mail unter edithfliri@bluewin.ch zuzüglich Versandkosten bestellen.

Empfehlenswert ist darüber hinaus das Mineralogische und Naturkundliche Museum in Bormio. Es beherbergt eine beeindruckende Sammlung von über 14’000 Kristallen und Mineralien, die hauptsächlich aus den umliegenden Tälern und Bergen stammen, aber auch Exponate aus der ganzen Welt. museomineralogicobormio.altervista.org