{"id":22579,"date":"2025-01-20T16:32:44","date_gmt":"2025-01-20T15:32:44","guid":{"rendered":"https:\/\/nationalpark.ch\/?p=23285"},"modified":"2025-01-20T16:32:44","modified_gmt":"2025-01-20T15:32:44","slug":"die-hirsche-und-ihr-potenzial","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nationalpark.ch\/it\/die-hirsche-und-ihr-potenzial\/","title":{"rendered":"Die Hirsche und ihr Potenzial"},"content":{"rendered":"<div class=\"row\">\n<div class=\"col-md-8\">\n<div class=\"intro-wrap\"><strong><span class=\"intro\">\u00dcber viele Jahre hinweg hat das Amt f\u00fcr Jagd und Fischerei Graub\u00fcnden (AJF) zusammen mit dem Schweizerischen Nationalpark (SNP) Hirsche ausserhalb des SNP besendert. Die Resultate des Projekts \u00abIngio via?\u00bb geben nun Aufschluss \u00fcber ihre Raumnutzung. <\/span><span class=\"intro\">Das Besendern von Wildtieren ist eine bew\u00e4hrte Methode, deren Verhalten zu erforschen. Mithilfe von GPS-Halsb\u00e4ndern wird sehr genau ersichtlich, wann sich die Hirsche wo aufhalten. Diese detaillierten Informationen dienen dem Verst\u00e4ndnis der Tierart. Im Fall der Hirsche geben sie dar\u00fcber hinaus Aufschluss \u00fcber ihre Lernf\u00e4higkeit.<\/span><\/strong><\/div>\n<div class=\"content\">\n<div id=\"contentCollections_36970\" class=\"inner-content\">\n<h4><\/h4>\n<h5>Ein Blick zur\u00fcck<\/h5>\n<p>Die Geschichte der Hirschforschung in der Nationalparkregion reicht weit zur\u00fcck. Seit der Parkgr\u00fcndung 1914 wird j\u00e4hrlich die Bestandsgr\u00f6sse im SNP erhoben. Diese zeigt ein exponentielles Wachstum von urspr\u00fcnglich 0 auf knapp 2500 Individuen in den 1970er-Jahren. Die jagdliche Regulation war damals unzureichend. Dies hing damit zusammen, dass die Parkhirsche ihre Sommereinst\u00e4nde innerhalb des SNP erst nach der Hochjagd im September verliessen, um in besser geeigneten Gebieten im Haupttal des Engadins und im M\u00fcnstertal zu \u00fcberwintern. Die Hirscheinfl\u00fcsse in diesen Wintereinst\u00e4nden ausserhalb des SNP in Form von Verbiss von Baumtrieben waren entsprechend hoch und dadurch die Waldverj\u00fcngung unzureichend. Und trotz der damals g\u00e4ngigen Winterf\u00fctterung liessen sich periodische Wintersterben nicht vermeiden. Bezeichnungen wie \u00abHirschproblem\u00bb machten die Runde. \u00dcber m\u00f6gliche L\u00f6sungen wurde kontrovers diskutiert. Um wirkungsvolle Massnahmen festzulegen, waren die Wissensl\u00fccken jedoch zu gross. Individuelle Markierungen von Hirschen sollten neue Erkenntnisse schaffen. Innerhalb von drei Jahren wurden an den damaligen Standorten f\u00fcr die Winterf\u00fctterungen knapp 500 Individuen markiert. Aufgrund von Wiederbeobachtungen wurden die Winter- und Sommereinst\u00e4nde der Hirsche bekannt. Zus\u00e4tzlich liessen sich die gew\u00e4hlten Routen zwischen diesen saisonalen Aufenthaltsgebieten bestimmen.<br \/>\nAls Massnahmen wurden die Einf\u00fchrung der Sonderjagd im November und Dezember beschlossen. Erg\u00e4nzend dazu errichtete man zus\u00e4tzliche Jagdschutzgebiete, die Wildasyle. Die erste Massnahme leuchtet ein: Zur Reduktion der Wildeinfl\u00fcsse sollen die Hirsche dort dezimiert werden, wo sie Sch\u00e4den in unerw\u00fcnschtem Ausmass verursachen \u2013 im Wintereinstand. Die Vergr\u00f6sserung der gesamthaft betrachteten Schutzgebietsfl\u00e4che zur Erh\u00f6hung der Jagdstrecke braucht hingegen etwas Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"contentCollections_36975\" class=\"inner-content\">\n<h5>Das Konzept der Landschaft der Angst<\/h5>\n<p>In der Wildtier\u00f6kologie wird das Konzept der \u00abLandschaft der Angst\u00bb verwendet, um das r\u00e4umlich und zeitlich variierende Ausmass der Angst zu beschreiben, welches Beutetiere wahrnehmen. Gem\u00e4ss dieser Theorie passen auch Hirsche ihre Bewegungen an und w\u00e4hlen ihre Lebensr\u00e4ume in Abh\u00e4ngigkeit von Landschaftsmerkmalen und der Anwesenheit von Feinden. Da f\u00fcr Hirsche relevante nat\u00fcrliche Beutegreifer in den 1970er-Jahren in der Nationalparkregion nicht vorkamen, stellte der Mensch damals den einzigen Feind dar. Beabsichtigt war also, dem Hirsch mit einem Netzwerk von Wildasylen sichere Lebensr\u00e4ume anzubieten. Damit sollten sich die Hirsche einerseits besser in der Region verteilen. Andererseits ging man davon aus, dass die Hirsche die Schutzzonen auch verlassen oder zwischen ihnen hin- und herwechseln und damit f\u00fcr J\u00e4ger erreichbar w\u00fcrden. Dieser Plan ging auf: Die Anzahl Hirsche innerhalb des SNP stabilisierte sich seither auf rund 1550 Individuen im Sommer. Zus\u00e4tzlich ging der Wildeinfluss in der Nationalparkregion zur\u00fcck.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"contentCollections_36980\" class=\"inner-content\">\n<h5>Tag-Hirsch und Nacht-Hirsch<\/h5>\n<p>Doch nun zur aktuellen Technik: Die modernen GPS-Halsb\u00e4nder zeichnen die Positionen ihrer Tr\u00e4ger st\u00fcndlich auf. Diese Datenf\u00fclle erlaubt das Erstellen von r\u00e4umlich und zeitlich hochaufgel\u00f6sten Analysen zur Lebensraumnutzung. Dazu werden digital verf\u00fcgbare Messgr\u00f6ssen herangezogen wie zum Beispiel der Kronenschlussgrad im Wald f\u00fcr dessen Dichte und damit f\u00fcr seine Schutzwirkung auf Hirsche. Eine weitere w\u00e4re die Distanz zu Wegen als potenzielles Mass, bez\u00fcglich N\u00e4he zum Menschen. Als dritte Messgr\u00f6sse seien hier die Jagdschutzgebiete genannt. Darin k\u00f6nnen sich die Hirsche dem Jagddruck entziehen.<br \/>\nDa zu erwarten war, dass sich die Hirsche sowohl im Jahres-, als auch im Tagesverlauf unterschiedlich verhalten, haben wir die Analysen pro Monat und getrennt f\u00fcr Tag- und Nachtstunden durchgef\u00fchrt. Die Resultate sind deutlich: Tags\u00fcber mieden die Hirsche Lebensr\u00e4ume, in denen Begegnungen mit Menschen wahrscheinlich waren. Das heisst, sie hielten sich in dichten Baumbest\u00e4nden auf und achteten auf gr\u00f6ssere Abst\u00e4nde zu Wegen. Zudem legten sie k\u00fcrzere Strecken zur\u00fcck. Im n\u00e4chtlichen Schutz der Dunkelheit hingegen verhielten sie sich genau umgekehrt: Sie bevorzugten das Offenland, kamen n\u00e4her an die Wege heran und legten gr\u00f6ssere Strecken zur\u00fcck. Die Jagdschutzgebiete bevorzugten die Hirsche gem\u00e4ss ihrem Zweck im Sommer und Herbst. Und letztlich war die Lebensraumwahl w\u00e4hrend der Hochjagd im September innerhalb von Jagdschutzgebieten weniger spezifisch als ausserhalb. Wir interpretieren diese Resultate so, dass die Jagdschutzgebiete den Hirschen tats\u00e4chlich ein vom Menschen weniger beeinflusstes Verhalten erlauben.<\/p>\n<figure><\/figure>\n<\/div>\n<div id=\"contentCollections_36985\" class=\"inner-content\">\n<h5>Hirsche kennen ihre Lebensr\u00e4ume<\/h5>\n<p>Im Vergleich zu den untersuchten Hirschen aus dem Projekt \u00abIngio via?\u00bb fehlte dieses tageszeitliche Muster bei innerhalb des SNP markierten Hirschen weitgehend. Diese Parkhirsche zeigten auch am Tag ein vom Menschen weniger beeinflusstes Verhalten und mieden zum Beispiel die Wege auch dann nicht, wenn sie l\u00e4ngst aus dem SNP ausgewandert waren. Wir schliessen daraus, dass die Hirsche ihre Lebensr\u00e4ume samt den vom Menschen ausgehenden Gefahren genau einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Diese Ergebnisse deuten weiter darauf hin, dass das Netzwerk von kleinr\u00e4umigen Jagdschutzgebieten eine nat\u00fcrlichere Lebensraumwahl der Hirsche unterst\u00fctzt, insbesondere wenn diese den Menschen wie im SNP zus\u00e4tzlich einschr\u00e4nken.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber viele Jahre hinweg hat das Amt f\u00fcr Jagd und Fischerei Graub\u00fcnden (AJF) zusammen mit dem Schweizerischen Nationalpark (SNP) Hirsche ausserhalb des SNP besendert. 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