{"id":22323,"date":"2024-02-05T11:10:20","date_gmt":"2024-02-05T10:10:20","guid":{"rendered":"https:\/\/nationalpark.08eins-preview.ch\/?p=19391"},"modified":"2024-02-05T11:10:20","modified_gmt":"2024-02-05T10:10:20","slug":"wiederansiedlung-bartgeier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nationalpark.ch\/it\/wiederansiedlung-bartgeier\/","title":{"rendered":"Wiederansiedlung Bartgeier"},"content":{"rendered":"<p>Am 5. Juni 1991, wurden die ersten Bartgeier im Schweizerischen Nationalpark ausgewildert. Damit begann die erfolgreiche R\u00fcckkehr des Bartgeiers in die Schweizer Alpen. Seither hat sich die Nationalparkregion zu einem Bartgeier-Hotspot entwickelt, sehr zur Freude der Einheimischen und G\u00e4ste. Auch in der restlichen Schweiz entwickelt sich der Bartgeierbestand dank des Wiederansiedlungsprogramms der Stiftung Pro Bartgeier sehr positiv.<\/p>\n<p><strong>Parkw\u00e4chter Reto Strimer, seit 1.8.1992 Parkw\u00e4chter im Schweizerischen Nationalpark (SNP) erinnert sich:<\/strong><\/p>\n<h3><a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_99_159.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-19407 size-full\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_99_159.jpg\" alt=\"Parkw\u00e4chter Reto Strimer mit Bartgeier auf Tragr\u00e4f\" width=\"2000\" height=\"1214\" \/><\/a><\/h3>\n<p>Obwohl am 5. Juni 1991 noch nicht als Parkw\u00e4chter angestellt, war ich schon bei der ersten Bartgeieraussetzung mit dabei. Dass der Bartgeier auch im Engadin wieder heimisch werden sollte, faszinierte mich sofort. Bereits1986 waren im Rauriser Krumltal in den Hohen Tauern die ersten Jungv\u00f6gel im Rahmen des internationalen Bartgeierprojektes ausgesetzt worden. In vier Gebieten entlang des Alpenbogens wollten die Verantwortlichen k\u00fcnftig Tiere freilassen. Dass eines dieser vier Gebiete des SNP war, empfand ich als einen besonderen Gl\u00fccksfall. Ziel war es, den Bartgeier wieder fest in den Alpen anzusiedeln.<\/p>\n<p><strong>Hast du damals daran geglaubt, dass der Bartgeier eines Tages definitiv wieder in die Alpen zur\u00fcckkehren w\u00fcrde?<br \/>\n<\/strong>Gewisse Bedenken hatte ich schon. Im Nationalpark Hohe Tauern gab es anf\u00e4nglich einige R\u00fcckschl\u00e4ge. Allerdings konnten wir in der Schweiz von den in \u00d6sterreich bereits gemachten Erfahrungen profitieren. Zudem war das Projekt bei uns durch vielf\u00e4ltige Kommunikationsmassnahmen in der Bev\u00f6lkerung des Kantons Graub\u00fcnden aber auch der \u00fcbrigen Schweiz breit abgest\u00fctzt. Auch die Gemeinden im Engadin waren positiv eingestellt und hatten ihr Einverst\u00e4ndnis ausdr\u00fccklich bekundet. Und dann war die Begeisterung des damaligen Nationalparkdirektors Klaus Robin absolut greifbar und hatte ansteckende Wirkung.<\/p>\n<p><strong>Wer hatte sich am Aussetzungstag vor dem Nationalparkhaus in Zernez eingefunden und wie war die Stimmung?<\/strong><br \/>\nAm besagten Tag hatte sich eine grosse Menschenmenge und etliche Medienschaffende vor dem alten Nationalparkhaus in Zernez versammelt. Neben meinen k\u00fcnftigen Parkw\u00e4chterkollegen war Parkdirektor Klaus Robin, der Stiftungsratspr\u00e4sident der Gesellschaft zur Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Schweizer Alpen (sp\u00e4ter in Stiftung Pro Bartgeier umbenannt) a. Regierungsrat Luzi B\u00e4rtsch und deren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, der Zernezer Chasper Buchli, auf dem Platz.<br \/>\nAuch der Jungvogel namens \u00abMargunet\u00bb aus dem Berliner Zoo war bereits eingetroffen. Nur die beiden V\u00f6gel aus Wien liessen auf sich warten. Die Zollformalit\u00e4ten an der Grenze in Martina zogen sich in die L\u00e4nge. Als sie endlich ankamen, mussten erst noch ein Teil ihrer Federn mit Wasserstoffsuperoxid gebleicht werden. Dank des individuellen Musters liessen sich die V\u00f6gel, wenn sie einmal fliegen w\u00fcrden, vom Boden aus einwandfrei bestimmen. Diese so einfache wie geniale Methode hat allerdings den Nachteil, dass das Muster nach der Mauser im dritten Lebensjahr nicht mehr erkennbar ist. Aktuell werden f\u00fcr das Monitoring Satellitensender eingesetzt.<br \/>\nNach mehreren Ansprachen, Grussworten und Fotostrecken setzten sich Postautos und Dienstfahrzeuge schliesslich in Richtung Nationalpark in Bewegung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_99_115.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-19416 size-large\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_99_115-1024x576.jpg\" alt=\"Wiederansiedlung Bartgeier: Grosses Interesse in der Bev\u00f6lkerung\" width=\"1024\" height=\"576\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie ging es dann weiter?<\/strong><br \/>\nBeim Parkplatz 9, den es damals noch gab, wurden die drei Bartgeier auf mit Strohs\u00e4cken gepolsterte Tragr\u00e4fs gebettet. Dann ging es zu Fuss in Richtung Alp Stabelchod. Hier folgte die erste Pause und ein weiterer Fototermin. Es herrschte eigentliche Volksfeststimmung. Um die V\u00f6gel nicht zu sehr zu beunruhigen, ging es aber bald in Richtung Rastplatz Val da Stabelchod weiter. Damals f\u00fchrte der Weg noch durch die eindrucksvolle Schlucht. Zwei Kehren oberhalb des Rastplatzes musste der Begleitross dann definitiv zur\u00fcckbleiben. Nur die Parkw\u00e4chter und ein Projektmitarbeiter durften noch bis zum unzug\u00e4nglichen, weit abseits des Weges gelegenen, in einer Felsnische eingerichteten Horst weitersteigen. Dazu musste eine breite Ger\u00f6llhalde gequert und ein steiler Schlusshang erstiegen werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_96-184.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-19405 size-full\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_96-184.jpg\" alt=\"Wiederansiedlung Bartgeier: Bartgeier auf Tragr\u00e4f\" width=\"2000\" height=\"1161\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_LO_2007_06_09_090.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-19411 size-full\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_LO_2007_06_09_090.jpg\" alt=\"Wiederansiedlung Bartgeier\" width=\"2000\" height=\"600\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Wie oft durftest du zwischen 1992 und 2007 einen Bartgeier in den Horst tragen?<br \/>\n<\/strong>Insgesamt hatte ich neunmal die Ehre, einen Bartgeier hinauf in die Freiheit zu transportieren. Jedes Tier erhielt jeweils einen Namen. Ich kann mich noch an alle erinnern. Nat\u00fcrlich wurde unter den Parkw\u00e4chtern von Jahr zu Jahr mit dem Tragen abgewechselt. 1995 gab es mangels geeigneter Jungv\u00f6gel in den Zuchtstationen keine Aussetzung im SNP. 2002, 2004 und 2006 erfolgten statt im SNP im Martelltal im benachbarten Nationalpark Stilfserjoch Freilassungen. Selbstverst\u00e4ndlich waren wir auch an diesen Veranstaltungen als willkommene G\u00e4ste mit dabei.<\/p>\n<p><strong>Anf\u00e4nglich waren es offene Tragr\u00e4fs, sp\u00e4ter grosse, sperrige geschlossene Kisten. Wie war es, damit unterwegs zu sein?<\/strong><br \/>\nUm die V\u00f6gel nicht unn\u00f6tigem Stress auszusetzen, wurde beschlossen, die Tragr\u00e4fs gegen Kisten auszutauschen. Obwohl die Kisten rein optisch als gross und unhandlich erschienen, waren sie zum Gl\u00fcck nicht so schwer, wie sie aussahen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_LO_2007_06_09_146-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-19409 size-full\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_LO_2007_06_09_146-1.jpg\" alt=\"Wiederansiedlung Bartgeier: Parkw\u00e4chter tragen zwei Holzkisten mit jungen Bartgeiern in Aussetzungshorst\" width=\"2000\" height=\"600\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong><br \/>\nIn der k\u00fcnstlich angelegten Horstnische habt ihr die Bartgeier in den ersten Wochen noch gef\u00fcttert. Wie liefen diese Aktionen jeweils ab? Wie reagierten die Bartgeier, wenn ihr in ihre N\u00e4he kamt und wie war der Geruch in der Umgebung des Horstes?<\/strong><br \/>\nBereits vor den Aussetzungen hatten wir in einer kleinen, k\u00fchlen Nebenh\u00f6hle des Bartgeierhorstes, die quasi als K\u00fchlschrank diente, ein Depot mit Kadavern angelegt. Da die Bartgeier Anfang Juni im Aussetzungsalter von ca. 90 Tagen noch nicht fl\u00fcgge waren, mussten wir bis zu deren Ausfliegen die Verpflegung sicherstellen. Wichtig war, dass die Bereitstellung des Futters jeweils speditiv erfolgte, denn die V\u00f6gel sollten sich nicht an unsere Anwesenheit gew\u00f6hnen. Da der gesammelte Kadaver nat\u00fcrlich mit der Zeit immer \u00fcbler stank, wurde auch wiederholt F\u00fcchse und 2005 sogar der erste wieder eingewanderte B\u00e4r angelockt. Zwischendurch legten wir auch frisches Fleisch aus, damit die Bartgeier ihren Fl\u00fcssigkeitsbedarf decken konnten.<\/p>\n<p><strong>Von der Villa Teresa, der Bartgeierbeobachtungsh\u00fctte, habt ihr die Bartgeier Tag und Nacht bewacht.<\/strong><br \/>\nAnf\u00e4nglich verf\u00fcgten wir nur \u00fcber eine sehr kleine und improvisierte Beobachtungsh\u00fctte. Die komfortablere Villa Teresa, benannt nach einer Helferin, die auch viele Beobachtungstage in der H\u00fctte verbrachte, wurde erst 2003 eingeweiht. Die Jungv\u00f6gel mussten Tag und Nacht in zwei Zw\u00f6lfstundenschichten bewacht werden. Daf\u00fcr waren wir sogar mit einer Pistole bewaffnet. Einerseits kostete so ein Geier \u2013 wenn man den ganzen Aufwand f\u00fcr Zucht und \u00dcberwachung einrechnet \u2013 einige 10&#8217;000 Franken, andererseits wollte man auch die Entwicklung genau verfolgen. So haben wir alles minuzi\u00f6s protokolliert, was die Tiere den lieben langen Tag angestellt haben, wann sie sich wo gekratzt und wann sie ihre Federn geputzt haben. Nachts reagierte eine Lichtschranke mit einem bis in die H\u00fctte reichenden Alarmsystem auf Bewegungen beim Bartgeierhorst.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_99_183.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-19408 size-large\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_99_183-1024x660.jpg\" alt=\"juveniler Bartgeier im Horst\" width=\"1024\" height=\"660\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Kannst du dich an besondere Vorkommnisse erinnern?<\/strong><br \/>\nEinmal ist ein Bartgeier aus dem Horst gefallen und purzelte den steilen Abhang hinunter. Gl\u00fccklicherweise hat er sich dabei nicht verletzt und er konnte wieder in den Horst zur\u00fcck transportiert werden.<br \/>\nIm Jahre 2000 breitete \u00abLouis\u00bb nach einem Streit mit \u00abChristelle\u00bb die Fl\u00fcgel aus und hob pl\u00f6tzlich vom Boden ab, und das im Alter von nur 106 Tagen. Nach einer halsbrecherischen Landung am Gegenhang, stieg der verdatterte Fr\u00fchausflieger am n\u00e4chsten Tag ca. 300 H\u00f6henmeter zu Fuss auf um dann endg\u00fcltig seine Fluglaufbahn zu beginnen.<br \/>\nDie l\u00e4ngste Nestlingszeit dauerte 130 Tage. Auch nach dem Ausfliegen kehrten die Geier noch oft zum Horst zur\u00fcck, um sich am immer noch ausgelegten Futter zu st\u00e4rken.<br \/>\nEin weiteres interessantes Detail ist, dass \u00abMoische\u00bb, die zu den ersten, 1991 ausgesetzten V\u00f6geln geh\u00f6rt und \u00abCIC\u00bb, der 1993 ausgesetzt wurde, das \u00e4lteste Paar ohne Wechsel ist. Gemeinsam haben sie bei Livigno I bereits 18 Jungv\u00f6gel grossgezogen (Stand 2020).<br \/>\nDie erste Brut im SNP erfolgte ja erst 2007 in der Val Tantermozza. Das war gleichzeitig auch das letzte Jahr, in dem Bartgeier im SNP ausgesetzt wurden.<br \/>\nDanach setzte man w\u00e4hrend f\u00fcnf Jahren V\u00f6gel im Calfeisental, sp\u00e4ter dann weitere f\u00fcnf Jahre lang auf der Melchsee-Frutt aus (Stand 2020).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_LO_20170117_57947.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-19410 size-full\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/\u00a9SNP_LO_20170117_57947.jpg\" alt=\"Bartgeier im Horst an Felswand\" width=\"1751\" height=\"525\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Und jetzt, nach insgesamt 26 im SNP ausgesetzten Bartgeiern und 26 (Stand 2020) erfolgreichen Freilandbruten im SNP \u2013 wo liegt f\u00fcr dich die Faszination f\u00fcr diesen R\u00fcckkehrer?<\/strong><br \/>\nEinerseits bin ich nach wie vor begeistert, dass es tats\u00e4chlich gelungen ist, diesen gr\u00f6ssten Vogel der Alpen wieder bei uns heimisch werden zu lassen. Besonders sch\u00f6n ist, dass ich dabei mit meinem pers\u00f6nlichen Einsatz selbst ein wenig mithelfen konnte. Jedes Mal, wenn ich einen dieser m\u00e4chtigen V\u00f6gel durch die L\u00fcfte segeln sehe, bin ich von neuem von diesem erhabenen Anblick fasziniert. Ich hatte auch schon das Gl\u00fcck zu beobachten, wie ein Bartgeier einen Knochen fallen liess, um diesen am Fels zersplittern zu lassen. Etwas ganz Besonderes war das Triopaar vom Sp\u00f6l, bei dem sich zwei Weibchen mit einem M\u00e4nnchen zusammengeschlossen hatten. Leider kann so etwas nicht funktionieren, so dass letztlich nur ein Jungvogel \u00fcberlebte.<br \/>\nWas mich in all den Jahren aber am meisten erstaunt hat ist, dass die V\u00f6gel schliesslich ganz ohne ihre Eltern erwachsen und flugf\u00e4hig wurden. Offenbar waren wir Parkw\u00e4chter des SNP gute Ersatzeltern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5. Juni 1991, wurden die ersten Bartgeier im Schweizerischen Nationalpark ausgewildert. 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