{"id":24264,"date":"2025-10-15T10:57:21","date_gmt":"2025-10-15T08:57:21","guid":{"rendered":"https:\/\/nationalpark.ch\/?p=25053"},"modified":"2026-06-09T19:12:03","modified_gmt":"2026-06-09T17:12:03","slug":"nationalpark-botanik-im-wandel-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nationalpark.ch\/fr\/nationalpark-botanik-im-wandel-5\/","title":{"rendered":"Nationalpark-Botanik im Wandel"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Beitrag von Franziska Heinrich, Schweizerischer Nationalpark<br \/>\n15. Oktober 2025<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Am 8. Oktober nahm der Botaniker Raphael von B\u00fcren das Publikum des letzten NATURAMA-Vortrags dieser Saison mit auf eine spannende Zeitreise in die faszinierende Welt der Pflanzen des Schweizerischen Nationalparks. Er ging dabei insbesondere der Frage nach, wie sich diese und ihre Erforschung in den letzten 111 Jahren ver\u00e4ndert haben. <\/strong><\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndung des \u00e4ltesten Nationalparks der Alpen im Jahr 1914 stand im Zeitgeist einer weltweiten Bewegung. Im Unterschied zu anderen Nationalparks, die als nationale Monumente von besonderer Sch\u00f6nheit erhalten werden sollten zum Wohle und zur Freude der Menschen, war die Vision des Schweizerischen Nationalparks (SNP) eine andere: Die Natur soll sich selber \u00fcberlassen werden und der Mensch beobachtet, wie sie sich ohne sein Zutun entwickelt. \u00abVon Anfang an stand also auch der Forschungsgedanke im Vordergrund\u00bb, erl\u00e4uterte Raphael von B\u00fcren, Botaniker und Doktorand am Schweizerischen Nationalpark.<\/p>\n<p>Das Gebiet des SNP war vor seiner Gr\u00fcndung teilweise stark genutzt: Alpwirtschaft, Jagd, Bergbau, K\u00f6hlereien und damit verbunden auch Kahlschl\u00e4ge der W\u00e4lder im Ofenpassgebiet pr\u00e4gten die Landschaft. Park-Pioniere wie Carl Schr\u00f6ter gingen davon aus, dass die Spuren dieser menschlichen Nutzungen rasch verschwinden w\u00fcrden. Ihnen war aber bewusst, dass nur eine pr\u00e4zise Dokumentation des Ausgangszustandes und eine regelm\u00e4ssige Erhebung der Ver\u00e4nderungen \u00fcber eine sehr lange Zeit Aussagen dazu erlauben, wie sich der totale Schutz auf die Natur auswirkt.<\/p>\n<p><strong>Botanische Langzeitforschung und lange Zeit Forschende<\/strong><\/p>\n<p>Josias Braun-Blanquet, heute ein weltweit bekannter Botaniker und Gr\u00fcnder der Pflanzensoziologie, wurde im Jahr 1917 beauftragt, die Ver\u00e4nderungen der Vegetation im Park zu erforschen. Dazu installierte er an verschiedenen Orten Dauerbeobachtungsfl\u00e4chen\u00a0und erhob auf diesen von 1917\u20131938 regelm\u00e4ssig alle Pflanzenarten (inkl. Absch\u00e4tzung Anzahl\/Deckungsgrad). Die Fl\u00e4chen wurden mit Holzpfl\u00f6cken markiert, so dass sie Zentimeter genau wieder aufgefunden und botanisch erhoben werden konnten. Von 1939\u20131989 f\u00fchrte Balthasar St\u00fcssi diese Forschungsarbeiten weiter. Er erg\u00e4nzte die Dauerbeobachtungsfl\u00e4chen von Braun-Blanquet auf 160 Fl\u00e4chen total von meist 1 m<sup>2<\/sup>. Mit St\u00fcssi\u2019s Tod bestand die Gefahr, dass dieser einmalige Datenschatz f\u00fcr immer verloren geht. Gl\u00fccklicherweise gelangte sein Nachlass doch noch an die Wissenschaft. Martin Sch\u00fctz und sein Team konnten Berge von handschriftlichen Aufzeichnungen entschl\u00fcsseln und so rund 130 der Fl\u00e4chen vor Ort wieder auffinden und retten. Seit 1994 bis heute betreut Martin Sch\u00fctz die Dauerbeobachtungsfl\u00e4chen und f\u00fchrt die Vegetationsaufnahmen durch.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-25057\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Tr4_Tr1_Alp-Stabelchod_Dauerflaechen_1941_Stuessi_ETH_Dia_282-1664.jpg\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"411\" \/><\/p>\n<p><em>Mit Pfl\u00f6cken markierte Dauerbeobachtungsfl\u00e4che auf der Alp Stabelchod. Bild von B. St\u00fcssi, 1941 (\u00a9 ETH-Bibliothek Z\u00fcrich, Bildarchiv \/ Dia_282-1664)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Forschung damals und heute<\/b><\/p>\n<p>Auf unterhaltsame Art und Weise zeigte Raphael von B\u00fcren auf, dass sich die damaligen und heutigen Botaniker und Botanikerinnen und auch ihre Methoden kaum unterscheiden. Sie teilen die Leidenschaft f\u00fcr Botanik und Forschung. Die Arbeit auf den Knien, die Lupe als wichtigstes Arbeitsmittel und auch die Kamera zur fotografischen Dokumentation der Ver\u00e4nderungen sind grunds\u00e4tzlich auch gleichgeblieben. \u00abDie gr\u00f6ssten Unterschiede betreffen wohl die Mode\u00bb, schmunzelte von B\u00fcren. Er betonte die Wichtigkeit eines strikt eingehaltenen Protokolls bei Langzeitbeobachtungen, damit die Messdaten vergleichbar und ohne methodische Fehler bleiben. Auch machte er deutlich, dass nicht nur wichtig ist, welche Pflanzen auf den Fl\u00e4chen wachsen, sondern eben auch, welche nicht. Dies erfordert ein sehr genaues Hinschauen: Jedes noch so kleine Bl\u00e4ttchen muss identifiziert und festgehalten werden. Die Begeisterung und Faszination des jungen Botanikers f\u00fcr seine Arbeit waren deutlich sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-25059\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Botaniker-Schroeter-Exkursion-Ofenpass-Gruppe-Boden-liegend_1902-1914_Feuerstein_ETH_Hs_1360-0433-F-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"300\" \/>\u00a0 \u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-25071 alignnone\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20250729_Vegauf-Jufplaun-Piz-Daint-Raphael-von-Bueren-3-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><i>Vor \u00fcber 100 Jahren und heute: Botaniker am Werk. <\/i><i>Bild links\/oben: Carl Schr\u00f6ter (links) und Kollegen im Jahr 1920 (\u00a9 ETH-Bibliothek Z\u00fcrich, Bildarchiv \/ Hs_1360-0433-F) Bild rechts\/unten: Raphael von B\u00fcren im Jahr 2025 (\u00a9 SNP\/Raphael von B\u00fcren)<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Wie haben sich die ehemaligen Weiden ver\u00e4ndert?<\/b><\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnder des SNP gingen davon aus, dass die fr\u00fcher alpwirtschaftlich genutzten Fl\u00e4chen rasch wieder von Wald eingewachsen werden. Hier haben sie sich geirrt: Die Fl\u00e4chen sind auch heute noch grossmehrheitlich offen, erst an den R\u00e4ndern kommt der Wald langsam auf. Dies zeigt eindr\u00fccklich, wie langsam gewisse Prozesse in der Natur ablaufen. Schaut man genauer auf die noch offenen Fl\u00e4chen, so zeigen sich deutliche Ver\u00e4nderungen. Auf den ehemaligen L\u00e4gerfluren, einer durch den D\u00fcngeeintrag der Nutztiere entstandenen spezifischen Pflanzengesellschaft, hat die Pflanzenvielfalt um ca. 10-15 Arten pro Dauerbeobachtungsfl\u00e4che zugenommen. Von B\u00fcren erl\u00e4uterte, wie anhand der vorkommenden Pflanzen mithilfe von Landolt Zeigerwerten auch Aussagen zum N\u00e4hrstoffgehalt im Boden abgeleitet werden k\u00f6nnen. Und dieser hat auf den ehemaligen L\u00e4gerfluren stark abgenommen. Trotzdem k\u00f6nnen wir die Einfl\u00fcsse des N\u00e4hrstoffeintrags durch die Alpwirtschaft auch nach \u00fcber 111 Jahren ohne Nutztiere noch deutlich sehen. Eine Tatsache, die uns im Hinblick auf \u00fcberd\u00fcngte Landwirtschaftsfl\u00e4chen zu denken geben sollte, f\u00fchrte von B\u00fcren aus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-25066\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Alpmurter-1-300x179.jpg\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"319\" \/>\u00a0 \u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-25067\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Alpmurter-2-300x179.jpg\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"317\" \/><\/p>\n<p><i>Dieses Bildpaar entstand im Rahmen des Refotografie-Projektes des SNP (siehe auch Ausstellung <a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/besuchen\/nationalparkzentrum\/#sonderausstellung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00abimmer wilder\u00bb<\/a>). Es zeigt die Ver\u00e4nderungen auf der Alp Murter. Im Bild links\/oben von ca. 1915 (\u00a9 Hermann Langen) ist die Dominanz der Alpen-Ampfer (Rumex alpinus) zu sehen. Im Bild rechts\/unten aus dem Jahr 2023 (\u00a9 SNP\/Steivan Luzi) sehen wir stattdessen den Blauen Eisenhut (Aconitum napellus) und den Rot-Schwingel (Festuca rubra). Diese Pflanzen zeigen immer noch an, dass der Boden eher n\u00e4hrstoffreich ist. <\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Gipfelst\u00fcrmer <\/b><\/p>\n<p>Auch die scheinbar lebensfeindlichen, kargen Gipfel im Park waren noch nie vor Botanikern und Botanikerinnen sicher. Denn auch an diesen extremen Standorten leben bestens angepasste Pflanzen. Der Gegenbl\u00e4ttrige Steinbrech (<i>Saxifraga oppositifolia<\/i>) zum Beispiel kommt sehr gut mit kalten Temperaturen zurecht und wurde direkt unterhalb des Doms (Walliser Alpen) auf \u00fcber 4500 m in Vollbl\u00fcte entdeckt. Teilweise angeseilt und mit Unterst\u00fctzung der Parkaufsicht nehmen von B\u00fcren und weitere Forschende auch die Gipfel wortw\u00f6rtlich genau unter die Lupe. Im Vergleich mit fr\u00fcheren Aufnahmen konnte so aufgezeigt werden, dass die Artenzahl auf den Gipfeln zugenommen hat. Hochgestiegen sind w\u00e4rmeliebende \u00abAllerweltsarten\u00bb, die den angepassten Spezialisten nun Konkurrenz machen. Grund daf\u00fcr ist der Klimawandel: Heute ist es auf einem Gipfel durchschnittlich so warm, wie vor 50 Jahren rund 300 m weiter unten. Und vor solchen menschlichen Einfl\u00fcssen l\u00e4sst sich der Nationalpark nat\u00fcrlich nicht abschirmen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-25120\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/LO_20200606_100781-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"300\" \/>\u00a0 \u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-25084\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Vortrag3-2-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p><i>Bild links\/oben (\u00a9 SNP\/Hans Lozza): Der Gegenbl\u00e4ttrige Steinbrech (Saxifraga oppositifolia L.) ist an die extremen Bedingungen auf den Gipfeln angepasst. Er ger\u00e4t zunehmend unter Druck durch Arten, die dank der Erw\u00e4rmung h\u00f6her steigen k\u00f6nnen. Bild rechts\/unten (\u00a9 SNP): Raphael von B\u00fcren nimmt den Gipfel des Piz Foraz genau unter die Lupe.\u00a0<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Franziska Heinrich, Schweizerischer Nationalpark<br \/>\n15. Oktober 2025<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAm 8. 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