{"id":23128,"date":"2024-03-07T16:08:24","date_gmt":"2024-03-07T15:08:24","guid":{"rendered":"https:\/\/nationalpark.08eins-preview.ch\/?post_type=forschung_cpt&#038;p=19983"},"modified":"2024-03-07T16:08:24","modified_gmt":"2024-03-07T15:08:24","slug":"tannenhaeher-und-arve-2-2","status":"publish","type":"forschung_cpt","link":"https:\/\/nationalpark.ch\/fr\/forschung\/tannenhaeher-und-arve-2-2\/","title":{"rendered":"Tannenh\u00e4her und Arve"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Beitrag von Eike Lena Neuschulz<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.senckenberg.de\/de\/institute\/sbik-f\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Senckenberg Biodiversit\u00e4t und Klima Forschungszentrum<\/a>, Frankfurt (D)<\/em><br \/>\n<em>September 2023<\/em><\/p>\n<p><strong>Tannenh\u00e4her und Arve leben im Schweizerischen Nationalpark in gegenseitiger Abh\u00e4ngigkeit. Ein einziger Vogel kann in einer Saison bis zu 100 000 Samen verstecken: Daraus spriessen neue B\u00e4ume mit einer Lebenserwartung von bis zu 1000 Jahren. Seit rund 10 Jahren untersuchen wir das Zusammenleben zwischen Vogel und Baum in Zeiten schneller Umweltver\u00e4nderungen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Titelbild:<br \/>\nTannenh\u00e4her mit Arvensamen im Schnabel<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Wer sich im Schweizerischen Nationalpark (SNP) auf Spurensuche begibt, kann sie im August oder September finden: Arvenzapfen, eingeklemmt in eine Astgabel oder deponiert auf einem Baumstumpf (Abb. 1). Es sind die \u00abSchmieden\u00bb des <a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/flora-und-fauna\/tannenhaeher\/\">Tannenh\u00e4hers<\/a>, des wohl prominentesten Vogels des SNP \u2013 er ist sogar im Logo des Parks verewigt. Der Tannenh\u00e4her lebt in enger Beziehung zur Arve (Abb. 2) und ist f\u00fcr die Baumart von zentraler Bedeutung, da er der Einzige ist, der die dauerhaft geschlossenen Zapfen mit seinem Schnabel \u00f6ffnen, die Samen herausholen und diese im Boden verstecken kann. Er ern\u00e4hrt sich fast nur von den Samen der <a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/flora-und-fauna\/arve\/\">Arve<\/a>. Wenn er fr\u00fch im Jahr, noch mitten im alpinen Winter, seine Jungen aufzieht, f\u00fcttert er sie fast ausschliesslich mit Arvensamen, die er aus seinen Verstecken holt. Obwohl viele ihrer Samen vom Tannenh\u00e4her gefressen werden, verhilft der Tannenh\u00e4her mit seinen Verstecken der Arve zu einer effizienten Ausbreitung.<\/p>\n<p><strong>Strategisches Verstecken der Samen<\/strong><br \/>\nNach wie vor ist immer noch eine ganze Menge rund um dieses Zusammenleben zwischen Tannenh\u00e4her und Arve unerforscht. Die Beziehung zwischen Tannenh\u00e4her und Arve ist beispielsweise gar nicht so harmonisch, wie es auf den ersten Blick erscheint. Der Tannenh\u00e4her m\u00f6chte, dass seine Samen m\u00f6glichst lange im Boden lagern, bis er sie fressen kann. Somit versteckt er sie an Orten, die f\u00fcr das Anwachsen der Keimlinge eher ung\u00fcnstig sind. Dies erscheint zun\u00e4chst sehr unpraktisch f\u00fcr die Arve, denn f\u00fcr sie w\u00e4re es besser, wenn ihr Samenausbreiter m\u00f6glichst viele Samen an Orte bringen w\u00fcrde, wo neue Arven wachsen k\u00f6nnen. Arven erreichen aber mit 500 bis 1000 Jahren ein stattliches Alter. Und wer so alt wird, dem macht es scheinbar nichts aus, wenn eine ganze Menge Samen aufgefressen werden oder verderben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/\u00a9ELNeuschulz_Zapfenschmiede.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-19993\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/\u00a9ELNeuschulz_Zapfenschmiede-300x108.jpg\" alt=\"Arvenzapfen mit zahlreichen L\u00f6chern an den Stellen, wo der Tannenh\u00e4her die Arvensamen rausgepickt hat\" width=\"1280\" height=\"463\" \/><\/a><strong><br \/>\n<em>Abb. 1:<\/em><\/strong><em> Zapfenschmiede eines Tannenh\u00e4hers. Der Arvenzapfen <\/em><em>ist gut in einem alten Baumstumpf eingeklemmt, <\/em><em>damit er beim Herausholen der Samen nicht wegrollt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Sammelfl\u00fcge \u00fcber mehrere H\u00f6henlagen<br \/>\n<\/strong>In unserer Forschung untersuchen wir, wie sich Tannenh\u00e4her auf ihren Sammelfl\u00fcgen bewegen. Wer zur Zapfenreife in Arvenw\u00e4ldern unterwegs ist, sieht die V\u00f6gel gesch\u00e4ftig hin- und herfliegen. Den Kropf oft voll mit bis zu 100 Samen, fliegen sie von den B\u00e4umen zu den Orten, wo sie ihre Samenverstecke anlegen, oft \u00fcber ein Areal in der Gr\u00f6sse von einigen Hektar verteilt. Manche V\u00f6gel verstecken die Samen direkt an Ort und Stelle, wo sie in den Arvenw\u00e4ldern gesammelt wurden. Andere fliegen Distanzen von bis zu 10 km, um ihre Samendepots zum Beispiel in Fichtenw\u00e4ldern unterer H\u00f6henlagen anzulegen. \u00dcber die Beweggr\u00fcnde f\u00fcr diese weit entfernten Verstecke wissen wir noch nicht genau Bescheid. M\u00f6glicherweise liegen die Samenverstecke hier n\u00e4her am Brutgebiet der V\u00f6gel oder sind im Winter bei weniger Schnee leichter auszugraben. Zwar gelangen Samen so in Verstecke, wo ung\u00fcnstige Wachstumsverh\u00e4ltnisse f\u00fcr die Arve herrschen. F\u00fcr die unbewegliche Arve sind diese Distanzen allerdings beachtlich, der Tannenh\u00e4her zeigt sich als sehr effizienter Ausbreiter der Samen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/\u00a9SNP_LO_20200530_99970.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-19994\" src=\"https:\/\/nationalpark.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/\u00a9SNP_LO_20200530_99970-300x105.jpg\" alt=\"Vereinzelte Arven und L\u00e4rchen - ein typisches Bild f\u00fcr die Baumgrenze im Engadin\" width=\"1280\" height=\"447\" \/><\/a><\/p>\n<p><em><strong>Abb. 2:<\/strong> Die Arve ist die K\u00f6nigin der Baumgrenze: Arvenwald im Muot sainza B\u00f6n.<\/em><\/p>\n<p><strong>Wertvoller Helfer in Zeiten des Klimawandels?<\/strong><br \/>\nW\u00e4hrend der Tannenh\u00e4her wegen seiner Mobilit\u00e4t flexibel ist, w\u00e4chst die Arve \u00e4usserst langsam und kann m\u00f6glicherweise nicht so schnell auf klimatische Ver\u00e4nderungen reagieren. Der Klimawandel wird die Bedingungen in alpinen \u00d6kosystemen, welche besonders sensibel gegen\u00fcber auch nur kleinen klimatischen Ver\u00e4nderungen sind, weiter ver\u00e4ndern. Wenn die Arve, wie viele andere Pflanzen auch, ihr Verbreitungsgebiet in die H\u00f6he verschiebt, braucht sie daf\u00fcr die Hilfe des Tannenh\u00e4hers. Inwieweit sich der Klimawandel auf die enge Beziehung zwischen Vogel und Baum auswirkt, m\u00fcssen wir noch besser erforschen. Eines ist aber in den Alpen gewiss: Ohne den Tannenh\u00e4her keine Arve \u2013 und ohne die Arve keinen Tannenh\u00e4her.<\/p>\n<h4>Literatur:<\/h4>\n<ul>\n<li>Gugerli, F. et al. (2022): Die Arve \u2013 Portrait eines Gebirgswaldbaums. Merkblatt f\u00fcr die Praxis 72. <a href=\"https:\/\/www.wsl.ch\/de\/ueber-die-wsl\/publikationen\/merkblatt-fuer-die-praxis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u2192 www.wsl.ch\/merkblatt<\/a><\/li>\n<li>Mattes, H. (1982): Die Lebensgemeinschaft von Tannenh\u00e4her und Arve und ihre forstliche Bedeutung in der oberen Gebirgswaldstufe. Ber. Eidg. Anst. forstl. Vers.wes. 241: 1\u201374.<\/li>\n<li>Neuschulz, E. L. et al. (2015): Seed perishability determines the caching behaviour of a food-hoarding bird. J Animal Ecol 84 (1): 71\u201378.\u00a0 <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1111\/1365-2656.12283\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u2192 https:\/\/doi.org\/10.1111\/1365-2656.12283<\/a><\/li>\n<li>Neuschulz, E. L., D. Merges, K. Bollmann, F. Gugerli, K. B\u00f6hning-Gaese (2018) Biotic interactions and seed deposition rather than abiotic factors determine recruitment at elevational range limits of an alpine tree. Journal of Ecology, 106:948-959. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1111\/1365-2745.12818\">https:\/\/doi.org\/10.1111\/1365-2745.12818<\/a><\/li>\n<li>Sorensen, M. C., T. Mueller, I. Donoso, V. Graf, D. Merges, M. Vanoni, W. Fiedler, E. L. Neuschulz (2022) Scatter-hoarding birds disperse seeds to sites unfavorable for plant regeneration. Movement Ecology, 10:1-7. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1186\/s40462-022-00338-1\">https:\/\/doi.org\/10.1186\/s40462-022-00338-1<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"template":"","forschung_category":[],"class_list":["post-23128","forschung_cpt","type-forschung_cpt","status-publish","hentry"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Tannenh\u00e4her und Arve - Parc National Suisse<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/nationalpark.ch\/fr\/forschung\/tannenhaeher-und-arve-2-2\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"fr_FR\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Tannenh\u00e4her und Arve - Parc National Suisse\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein Beitrag von Eike Lena Neuschulz Senckenberg Biodiversit\u00e4t und Klima Forschungszentrum, Frankfurt (D) September 2023 Tannenh\u00e4her und Arve leben im Schweizerischen Nationalpark in gegenseitiger Abh\u00e4ngigkeit. 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